Zur Diskussion: Der Mythos TCM

Wenn ich heute die Abkürzung "TCM" in dieser Homepage verwende, dann ist damit die gesamte traditionelle chinesische Medizin gemeint. Der Mythos von der TCM als neue Schule innerhalb der chinesischen Medizin den Flaws, et al. ins Leben gerufen haben, entbehrt jeder Grundlage. Durch die in den fünfziger Jahren vorgenommene Eingliederung der chinesischen Medizin ins universitäre System wurden die teils wiedersprüchlichen Theorien zwar zu einem System vereint und strukturiert, doch wenn man genau hinschaut, ist alles noch so vorhanden wie vor vielen Jahrhunderten. Es wird nun systematischer -nicht aber logischer- dargeboten, um es dem Studenten besser nachvollziehbar zu machen, während man früher alles per "Nürnberger Trichter" wild durcheinander lernte, und sich auf die Intuition verließ, die Informationen spontan im Geiste zu vernetzen.

Die letztere Methode wird noch immer in vielen Privatpraxen auf Taiwan verwendet. Sie funktioniert auch, wenn man genug Zeit hat, kann aber nur eine elitäre Lernmethode für wenige Auserwählte sein. Erst eine "Aufbereitung für die große Klasse", wie in der VR China üblich, macht die Medizin Chinas zu einem systematisch erlernbaren Fach für alle Interessierten. Da ich beide Systeme in beiden Ländern für jeweils mehr als fünf Jahre kennengelernt habe, darf ich mir die Einschätzung erlauben, daß es sich bei der o.g. TCM nicht um eine moderne Variante oder Schule innerhalb der chinesischen Medizin handelt, sondern um die universitär gelehrte traditionelle chinesische Medizin, im Gegensatz zur TCM die im Meister-Lehrlingsverhältnis gelehrt wird. Wenngleich die Methodik sich unterscheidet, so sind die Inhalte dieser beiden "TCMs" dennoch die gleichen.

Was die "Verwissenschaftlichung" der chinesischen Medizin angeht, so wird diese in Taiwan, ebenso wie in der VR China oder im Westen vorgenommen. Diese geht -zugegeben- oft am Ziel vorbei, wenn sie von Therapeuten die in westlicher Medizin ausgebildet wurden vorgenommen wird, wenn diesen das Verständnis für den Geist der traditionellen chinesischen Medizin fehlt, doch oft zeigt sie auch neue Wege auf, wie der Einsatz von Qing Hao bei Malaria, die Entdeckung von arsenhaltigen klassischen Rezepturen bei Anämie, oder gar die Anwendung der alten Medizin bei den neuen Krankheiten AIDS und Hepatitis C. Warum bereitet uns diese Integration der beiden sich optimal ergänzenden Systeme soviel Unwillen, obwohl es doch in den beiden Chinas hervorragend klappt ?

Vielleicht liegt es am westlichen Geist, der zwar die Wiedersprüche innerhalb der TCM als "systembedingt" gerade noch hinnimmt, aber wieder in sein typisch westliches entweder-oder Denken verfällt, wenn es darum geht, das kausalanalytische Denken der westlichen Medizin mit dem induktivsynthetischen der chinesischen Medizin zu verbinden. Plötzlich werden die "konservativen" Therapeuten Deutschlands, die jahrelang die Flexibilität im Denken und das undogmatische im Verstehen auf ihre Fahnen geschrieben hatten, zu bitteren Verfechtern einer antiwissenschaftlichen chinesischen Medizin.

Muß ich denn die Fünf Elemente vergessen, wenn ich nach der ZhangFu-Theorie behandle ? Darf ich denn, wenn ich "klassische" Akupunktur mache, nicht gleichzeitig Syndrome differenzieren, wie schon Shen Jin-Ao es 1740 getan hat ? Was heißt überhaupt klassisch? Die Akupunktur nach den 66-Shu Punkten wurde von Worsley und van Nghi erst in den fünfziger und sechziger Jahren populär gemacht, davor war sie ein Stil wie viele andere.

In China waren die konkurrierrenden Stile in Akupunktur und innerer Medizin immer im Nebeneinander vorhanden, auch wenn jeder "seinen" Stil für den besten hielt, so hieß es doch "Leben und leben lassen, denn der Erfolg gibt letzlich recht". Das eklektische China hatte auch keine Mühe den christlichen Jesus am Kreuz neben die Buddhafigur, die konfuzianische Ahnentafel, die taoistischen drei Unsterblichen und den volkstümlichen Küchengott zu stellen: Jeder hatte seine Aufgaben und Vorteile, also wurden alle verehrt. Es waren wieder die westlichen Missionare, die die Chinesen aufforderten, sich auf einen Gott zu beschränken, das alte "entweder-oder-Dogma".

Als Hua Tuo von der indischen Chirurgie hörte, erlernte er sie und war dennoch ein chinesischer Arzt, auch buddhistische Arzneien aus Indien wurden integriert, wenn sie sich als nützlich erwiesen. Zhang Zi-He im 12 Jh. übernahm die purgierenden und emetischen Verfahren der Inder und auch arabische Arzneien wie Tao Ren wurden problemlos in die chineische Medizin integriert.

Heute sehe ich, wie in China aufgrund des Pulses und der klassischen Diagnose auf Wind-Schlag (Zhong Feng) mit Blutstase entschieden wird, und aufgrund des Computertomograms entschieden wird, ob man schon blutstasebrechende (po xue) Arzneien mit thrombolytischen Eigenschaften geben kann, oder die Blutung noch nicht gestillt ist, so daß sich die schwächeren blutbewegenden Arzneien (huo xue) bewähren, das Blut gleichzeitig zu stillen und einem Ödem vorzubeugen. Früher hätte man nicht so genau entscheiden können.

Drei Studenten, die jahrelang unter verschiedenem Lichteinfall die Zungen der Patienten ihres Lehrers beobachten konnten, werden -das bezweifle ich nicht- irgendwann sicher auch korrekt die Farbe der Zunge und des Belags beurteilen können. Aber wenn dreißig oder dreihundert Studenten dies lernen wollen, und sich an farblich standardisierten digitalen Photos orientieren können, ist dies eine Sünde gegen den Geist der chinesischen Medizin ?

Eine Medizin oder Philosophie lebt nur dann, wenn sie sich weiterentwickeln kann. Sobald sie stehen bleibt, stirbt sie. Als die Wu You-ke, früher selbst ein Anhänger der Shang Han Lun-Schule 1642 merkte, das die Rezepturen des fast als heilig verehrten Zhang Zhong-Jing bei den febrilen Seuchen seiner Zeit nur wenig ausrichteten, überlegte er sich eine neue Methode, die sich mehr auf Hitze-Toxine kühlende Arzneien stützte. Er legte zugrunde, das die pathogenen Gifte statt wie im Nei Jing und bei Zhang beschrieben nicht über die Haut, sondern durch den Mund in den Körper gelangten, eine Revolution in der Denkweise, die heute von allen akzeptiert wird.

Li Shi-Zhen (1587) und Wang Qing-Ren (1831) postulierten, das der Geist nicht im Herz, sondern im Hirn zu finden sei und Wang wagte sich sogar, die unantastbaren Klassiker zu kritisieren. Seine "empörenden Theorien" sind seit über 150 Jahren ein wichtiger Teil der chinesischen Medizin. Wang ging sogar so weit, Leichen zu sezieren, um eine Ahnung von der Anatomie des Körperinneren zu bekommen, da es hieß im Westen wüßte man darüber Bescheid. Sich so tief herabzulassen um Leichen aufzuschneiden, wäre seinen zeitgenössischen Arztkollegen nie in den Sinn gekommen und es wurde ihm auch von den Behörden selten gestattet.

Doch Wang fand heraus, das überall im Körper Adern sind, wo sich das Blut stauen kann und entwickelte daraus die Blutstasetheorie zu dem, was sie heute ist.

Diese Beispiele zeigen, daß neue Ideen auch in China nicht immer leicht akzeptiert wurden, aber letztlich siegte immer der typisch chinesische Pragmatismus über jegliche Ideologie. Statt wie früher "stellt Euren Jesus neben unsere anderen Götter" heißt es heute in China "legt Euer Computertomogramm neben unsere Pulskissen".

Aber statt auf das Dogma des einen Gottes zu beharren, wollen wir heute den Chinesen beibringen, daß es falsch ist unsere beiden Medizinsysteme gleichzeitig zu benutzten. Kann ich nicht logisch analysieren und dann intuitiv vernetzen ? Auch hier muß man sich wieder entscheiden: Entweder-Oder, Pro oder Kontra, Linke oder Rechte Gehirnhälfte…

Wann werden wir endlich lernen, daß wir zwei Gehirnhälften haben ?

G.N.

Gunter R.Neeb hat von 1988 bis 1994 Akupunktur und Qi-Gong bei traditionellen Lehrern Taiwans gelernt und von 1994 bis 1999 eine universitäre Ausbildung in der VR China gemacht. Er ist stolzer Besitzer von zwei funktionierenden Gehirnhälften.

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