1. Fall März 2000

Warum wird nur immer von Journalisten die "Ausgewogenheit" hochgehalten, wenn es um die Berichterstattung über TCM geht, wenn letztlich doch der Fachmann nicht das letzte Wort haben darf?

Ein deutscher-deutscher Briefwechsel via China

Leserbrief zu Ihrem Artikel “Nierenkiller aus Fernost”

 Titel: Verhaften Sie das Unfallfahrzeug!

 Während in den USA Todesfälle durch chemische Pharmazeutika jährlich ein Viertel aller Todesfälle erzeugen, sind die Wirkungen der chinesischen Arzneimittel seit über 2000 Jahren gut bekannt und helfen –bei richtiger, fachgerechter Anwendung vorausgesetzt – bei vielen Erkrankungen. Man muß sich daher fragen, wer und mit welchen Hintergedanken solche Artikel sponsort…

 Zu den angesprochenen Vergiftungen in Ihrem offensichtlich schlecht recherschierten Artikel “Nieren-Killer aus Fernost” in welchem die gleichen alten “Neuigkeiten” (bereits vom “Stern” 11/99) zum zweiten Mal aufgewärmt wurden, möchte ich Ihnen einige präzisere Hinweise geben, als die offenbare Hauptquelle Herrn Stockingers, nämlich die im Artikel genannte Krankenkasse und ihre Angestellten, da diesen durch Abwanderung der Patienten an Kassen, die chinesische Arzneitherapien bezahlen, jährlich Millionenverluste entstehen.

Ich habe selbst über 11 Jahre in Taiwan und China chinesische Medizin studiert, einige Jahre in der Arzneimittelforschung der dortigen Universitäten gearbeitet, und stehe als deutscher Arzt für chinesische Medizin mit den internationalen Kollegen in ständigem Kontakt, so daß ich die Sachverhalte dort wie hier etwas genauer kenne:

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 Belgien 1990-92: Die leider im Artikel nicht genannten neueren Informationen aus Belgien belegen, daß das Nierenversagen durch Serotonin-Injektionen ausgelöst wurde, welches in der besagten Schönheitsfarm neben appetitzügelnden Amphetminen und (wegen deren Nebenwirkungen) Tranquilizern gegeben wurde. Die mehr aus kosmetischen, d.h. Werbegründen zusätzlich verabreichten chinesischen Arzneimittel, darunter Aristolochia fangchi gaben bestenfalls das Tüpfelchen auf dem “i”, da ein Stoffwecheselabbauprodukt der Aristolochiasäure ebenfalls nierenschädlich ist. Die gleiche Mischung erzeugte nämlich 1995 in Deutschland ebenfalls 7 Todesfälle durch Nierenversagen, mit dem kleinen Unterschied, daß dort die chinesischen Kräuter weggelassen wurden.

 

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England Juni 1999 (und nicht “vor einigen Wochen”): Eben genau das gleiche Stoffwechelprodukt der Aristolochiasäure entsteht auch durch Daueranwendung von Guan Mu Tong (Aristolochia manshuriensis), nicht aber durch Bai Mu Tong (Akebia trifoliata) welche hier verwechselt wurden und die beiden Patientinnen mit dem Nierenschaden zwei und sechs Jahre lang ununterbrochen in hohen Dosen verschrieben bekamen. Beim richtigen Einsatz der richtigen Arznei wäre überhaupt nichts passiert, da Akebia mutong lediglich Hederagenin, L-Arabinose, L-Rhamnose und Akeboside enthält.

 

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Hong Kong, 1997: Bei den Patienten in Hong Kong handelt es sich um Laien, die die freiverkäuflichen Arzneien, auf Ratschlag eines Straßenqucksalbers selbst gekauft und in hoher Dosis zubereitet haben. Sie können den  gleichen nierenschädigenden Effekt damit erreichen, daß Sie einem deutschen Patienten raten, 500g harntreibende Wacholderbeeren auszukochen, und anschließend auf einmal zu trinken.

 

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China: Die Gerüchte der “immer wieder vorkommenden” Vergiftungen, auf die Sie Ihre Information stützen, beruht auf der Gewohnheit der älteren Einwohner der Provinz Yunnan (wo auch selber einige Monate famuliert habe), den chinesischen “Eisenhut” im Winter als wärmende Zutat in Suppen zu verwenden. Dazu ist zu sagen, daß der chinesischen Aconitum sichuanensis weit weniger toxische Alkaloide enthält als unser Aconitum Napellus, und sich diese beim Erhitzen zur Verarbeitung als Arzneimittel nach einer Stunde in eine nicht-toxische Substanz umwandeln.

 

Welche Gemeinsamkeit haben nun alle diese Vergiftungen? Sie wurden alle durch Laien oder laienhafte Therapeuten verabreicht, die keine Ausbildung in chinesischer Medizin hatten, und die wirksamen Arzneien dieser Therapieform als harmlose Kräuter ansahen. Entweder wurden falsche Mittel in zu hohen Dosen eingesetzt, oder sie wurden über Jahre hin verschrieben, anstatt 1-2 mal wöchentlich die Arzneiauswahl den Reaktionen des Patienten anzupassen, was in China eine selbstverständliche  Grundlage der chinesischen Arzneimitteltherapie darstellt.

 

Auch haben sie “vergessen” zu erwähnen, daß die von Ihnen zitierten japanischen Kampo-Ärzte die Arzneipflanzen anwenden dürfen, in diesen Prinzipien ebenso gut geschult sind, wie in der westlichen Medizin. Dies alles zusammen zeigt also, daß die Kenntnis der Schulmedizin absolut kein Freischein ist, für das Verständnis der chinesischen Medizin, und die Ausbildung hierzu steckt im Westen leider noch in den Kinderschuhen und har erst seit einigen Jahren begonnen.

Mir scheint also der Titel “Nierenkiller in Europa” besser geeignet als “Nierenkiller aus Fernost”, es sei denn, Sie halten bei Verkehrsunfällen immer das Auto für den Schuldigen.

 Alle hier von mir zitierten Informationen und Forschungsergebnisse mit Quellenangaben sind im Detail belegbar, und können gerne bei mir angefordert werden.

 In der Hoffnung, daß die Tradition der gründlichen Spiegel-Recherche nicht mit dem alten Jahrtausend zu Ende ging, verbleibe ich,

 mit freundlichen Grüßen

Gunter Neeb, Idstein und Tianjin,

 

Nachspiel

Thema:  Antwort: Leserbrief zu Artikel "Killer aus Fernost"

Datum:   16.03.00 11.25 Uhr  W. Europe Standard Time

From:                Leserdienst6@spiegel.de

To:                GunterNeeb@aol.com

 

Sehr geehrter Herr Neeb,

Ihre Zuschrift ist leider zu spät gekommen: Für einen Abdruck im Leserbriefteil

des SPIEGEL ist der Abstand zu der Veröffentlichung, auf die sich Ihr Beitrag

bezieht, unseres Erachtens inzwischen zu groß.

 

Wir danken Ihnen für Ihr Interesse.

 

Mit der Bitte um Verständnis

und freundlichen Grüßen

 

SPIEGEL-Verlag

Redaktion

Kim Dahnke

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Return-Path: <Leserdienst6@spiegel.de>

16 Mar 2000 05:25:07 -0500

From: Leserdienst6@spiegel.de

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Date: Thu, 16 Mar 2000 11:21:46 +0100

Subject: Antwort: Leserbrief zu Artikel "Killer aus Fernost"

 Thema:   Re: Antwort: Leserbrief zu Artikel "Killer aus Fernost"

Datum:   20.03.00 17.33 Uhr  W. Europe Standard Time

Von:                GunterNeeb

An:                Leserdienst6@spiegel.de

 

Sehr geehrte Frau Dahnke,

Vielen Dank für Ihre Ablehnung meines Leserbriefes, der sich durch die Distanz (China) natürlich um eine Woche verzögert hat. Sie werden sicher verstehen, daß ich meinen Brief, zusammen mit Ihrer Ablehnung des Abdruckes in anderen Medien veröffentliche.

 Mit freundlichen Grüßen

 G.R. Neeb

Arzt für traditionelle chinesische Medizin, Uniklinik Tianjin

2. Fall, Juni 2002 (ob der wohl nun abgedruckt wird?)

Kommentar zum Spiegelartikel über Akupunktur, Ausgabe 24/2002

 

Unter dem Titel "Einmal Yin, einmal Yang" veröffentlichte der Spiegel am 10.6.2002 einen Artikel über Chinesische Medizin. Da es hauptsächlich um die erstmalige Besetzung eines Lehrstuhles für traditionelle chinesische Medizin an der Charite in Berlin ging, kamen neben Prof P. Unschuld (Sinologe und Medizinhistoriker) natürlich ausschließlich Ärzte zu Wort. Zurecht wurde deren oft nur dürftiger Ausbildungsstand in chinesischer Medizin angegriffen. So können von den 40.000 in Deutschland Akupunktur praktizierenden Ärzten nur gerade mal 15.000 "eine auch nur einigermaßen akzeptable Ausbildung vorweisen". Bei dieser Minimalvariante einer Grundausbildung ist das "Diplom A" gemeint, das mit 140 Stunden bereits bei den Kassen im Rahmen von Erprobungen Anerkennung findet. Der Rest akupunktiert scheinbar ohne jegliche nachweisbare Ausbildung. Das der Spiegel hier zurecht von Quacksalberei unter dem Etikett TCM spricht ist verständlich.

 

Genau deshalb ist es auch so schade, dass wie so oft die Seite der Heilpraktiker völlig ungehört blieb, wo doch beispielsweise von Seiten des DBVTCM eine Grundausbildung von 3000 Stunden als Heilpraktiker plus mindestens 750 Stunden Weiterbildung für die Akupunktur-Ausbildung gefordert wird und eine europäisch einheitlich zertifizierte Ausbildung und Anerkennung seitens der EUROTCM angestrebt wird. Geschickt gelang es der Spiegelautorin aus dem Dunstkreis der schulmedizinischen Konkurrenten um die noch unbesetzte Professurkritische Stimmen und skurril anmutende Anekdoten einzufangen und das Ganze meinungsmacherisch aufzutischen. Natürlich ist beispielsweise der Begriff TCM nicht 4000 Jahre alt, sondern erst unter Mao entstanden, was auch ohne Frage bis heute seine Spuren in der dortigen Ausübung der Chinesischen Medizin hinterlassen hat. Das wird jedoch im Kontext so dargestellt, dass dem Leser suggeriert wird, die jahrtausende alte Tradition und Geschichte der Chinesischen Medizin sei nur ein werbeträchtiges Gerücht. Fast schon amüsant das dieses "lieb gewonnene Missverständniß" ausgerechnet mit einem Zitat von Paul Unschuld aufgedeckt werden soll, der selbst in akribischer Weise klassische Werke wie z.B. das Nan-Ching (Nan Jing) von ca. 100 n. Chr. übersetzt hat.

 

Sicher ist nicht alles Gold was glänzt, nur weil es aus China kommt oder ist und sicherlich findet sich auch unter den chinesischen Koryphäen so mancher Scharlatan, der von der sprunghaft gestiegenen Nachfrage profitieren will. Aber auf welchem Sektor gibt es so etwas nicht in Boom-Zeiten? So ist es auch nur verständlich, dass auch die seriösen chinesischen Praktiker ihr Wissen mittlerweile nicht für einen feuchten Händedruck an jede interessierte "Langnase" verschleudern, die sich dann im Westen einen Namen damit machen kann, während für sie selbst weiterhin gilt, dass alle Studien oder sonstigen wissenschaftlichen Arbeiten aus China von vorneherein im Westen nur milde belächelt werden, bevor sie in den Papierkorb wandern. Schade das fast nur Vertreter der Meinung "die Zukunft der chinesischen Medizin liegt im Westen" zu Wort kamen. Es erweckt den Eindruck als müsse man die Chinesische Medizin nur vom nutzlosem philosophischem Ballast der letzten Jahrtausende befreien, um endlich die Spreu vom Weizen trennen zu können. Energetik, Punktenamen, die gesamte Terminologie würde ohne einem vagen Verständniß von den Ursprüngen nur noch als lächerlich esoterisches Relikt anmuten. Als "Destillat" würde dann eine unzusammenhängende therapeutische Trickkiste bleiben, die man, einmal auf Kassenformat und westliche Diagnosen zurecht gestutzt, auch sicher irgendwie ins bestehende Abrechnungssystem integrieren kann. Ohne Frage gab es über die lange Entstehungsgeschichte hinweg eine Vielzahl von unterschiedlichen Modellen und Strömungen in der chinesischen Medizin, aber gerade hier liegt doch auch der reiche Schatz, die Lebendigkeit dieser Erfahrungsmedizin verborgen. Trotz aller Heterogenität und manchmal auch zu findenden Widersprüche, welche die Zeit mit sich brachte: Wer sich anmaßt, die Wurzeln eines so lange gewachsenen medizinischen Systems einfach zu kappen droht es zu vernichten!

 

Bernd Schleifer            Herbert Vater

Stellv. Vors.               1. Vorsitzender

DBVTCM                     DBVTCM

 

 

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Letzter Update: 02 May 2003