Wie man chinesische Medizin studiert

und dennoch ein sturer Hesse bleibt

Obwohl ich schon eine gewisse Zeit dabei bin, kann ich auch nicht behaupten, den Stein der Weisen zu besitzen und ein ultimatives Rezept für das Studium der TCM zu haben. Nichtsdestotrotz möchte ich hier ein paar Probleme und deren Lösungen auflisten, die vielleicht vielen Westlern bei ihrem Studium der Medizin Chinas helfen können.

Problem 1: Zweifel

Egal, ob ein medizinisch vorgebildeter oder auch nur medizinisches Allgemeinwissen besitzender Student, irgendwann kommen einem die Konzepte der TCM nicht ganz geheuer vor. "Wo genau bitte sehr ist denn nun der Dreifache Erwärmer zu finden und warum findet die Bauchspeicheldrüse nirgendwo Erwähnung und wie speichert die Niere denn den Samen ?"
Man erfährt dann, daß in der TCM die Niere nicht die Niere ist, sondern ein Orbis, ein Funktionskreis Niere, der u.a auch  die Sexualfunktionen betrifft - aha ! Auch der Dreifache Erwärmer ist ein abstraktes Konzept, das die Verdauungsorgane umfaßt - m-hm...  und der Pankreas wird nicht erwähnt, weil es die alten chinesischen Ärzte mit der Anatomie nicht so genau nahmen und ihre Konzepte mehr im Sinne von Abstraktionen der Organfunktionen benutzten. Außerdem wurden viele Konzepte als Rückschluß von der Therapie auf die Physis entwickelt, (also umgekehrt wie bei uns) und waren sozusagen als "logische Eselsbrücken" gedacht, damit man auch ohne exaktes anatomisches Verständnis den Körper und seine Krankheiten verstehen und behandeln konnte. Soso...
<Und das hat funktioniert ? > Und wie ! Schon mehr als zweitausend Jahre lang. Man gibt der TCM also aufgrund ihrer empirischen Wirksamkeit einen Glaubenskredit und lernt ihre theoretischen Grundlagen. Schon bald aber, nachdem man die Yin-Yang-Theorie, die Zangfu-Theorie und die  Fünf Wandlungsphasen alias Fünf Wandlungszustände alias Fünf Elemente-Theorie (1)  gelernt hat, möchte man wieder aufstöhnen:
"Habe nun, ach, die Medizin und Philosophie - und leider auch die Theorie - der TCM gelernt mit fleißigem Bemühn..." und kann nun alles mit allem irgendwie dahinerklären, und genausogut dessen Gegenteil. Heißt das aber nicht, daß diese Theorie damit irrelevant geworden ist?"
Wer es bis dahin geschafft hat muß nicht verzagen, hier kommt die klinische Praxis und die Erfahrung zur Hilfe: Man wird schon nach kurzer Zeit feststellen, daß zwar theoretisch eine Disharmonie von Yin und Yang in allen Organen vorkommen kann, daß aber in der Praxis immer nur das Leber-Yin zu schwach und Leber-Yang zu stark ist. Oder daß eine Milz-Leere (Erde) theoretisch sowohl per se (Erde) als auch durch Leere der Lunge (Metall), als auch durch eine überstarke Leber (Holz), als auch durch eine überstarke Niere (Wasser) verursacht sein kann, was aber (außer in der Punktwahl der Akupunktur) überhaupt keine Rolle spielt, da der Patient in der Syndromdifferenzierung (Bian Zheng) ohnehin nach seinem Status quo und nicht nach seiner Pathogenese therapiert wird.
Wer einmal die praktischen Erfolge der TCM am Krankenbett, oder noch besser an sich selbst erlebt hat, kommt schließlich zu dem Schluß "Zweifle nicht- glaube alles!" was uns zum nächsten Stadium führt - dem

(1)= Über die für den Einsteiger sicher abschreckende Uneinheitlichkeit von TCM-Termini möchte ich hier nichts sagen, ich werde aber versuchen, sie vollständig in meinem 77-bändigen Werk "Science and Categorization in Chinas Medical Terms" aufzulisten, das voraussichtlich im Jahre 2200 erscheinen wird.
Erste Fußnote zu Fußnote 1: "Mit 120 zu Sterben heißt verfrüht dahingehen" Altes Taoistisches Sprichwort. Ehrlich.

Problem 2: Blinder Glaube

Egal ob in Taiwan oder in der Volksrepublik, überall habe ich bei TCM-Ärzten eine gewisse Tendenz zur "Großsprechung" des eigenen Könnens feststellen können, was sicher besser ist als Selbstzweifel, da ja, wie wir wissen (wissen wir doch - Herr Kollege, oder ?) auch in der Schulmedizin der Plazeboeffekt mehr als 33% der Therapieerfolge ausmacht. Und wer glaubt schon einem Arzt, der nicht an sich selbst glaubt ?
Dennoch wird auch in China nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird(2). Viele lokale (nicht aber nationale) Forschungsberichte werden nur bezuschußt, wenn die Erfolgsrate des Projektes höher als beispielsweise 90% liegt. Wenn man diese Berichte liest, kann man also guten Gewissens 10% oder etwas mehr abziehen, was aber immer noch ganz nette Werte sind.
Ein Anfänger muß also nicht gleich verzweifeln, wenn er keine so beindruckenden Erfolge wie sein Lehrer erzielt.
Hinzu kommt, daß das logische Erklären der Frage nach dem "Warum" eines Heilungseffektes nicht unbedingt zum Wissen eines guten TCM-Arztes gehören muß. Nicht jeder gute Arzt ist auch ein guter Lehrer. Dies gilt besonders für traditionelle oder ältere Ärzte, wie man sie oft auf Taiwan findet. Dann wird der lästige westliche Frager manchmal mit leerem Popanz oder arrogantem "Wenn Du nicht einmal das weißt..." abgespeist, was uns zum dritten Abschnitt bringt, nämlich dem
(2)=Außer Szechuan Feuertopf: Fragen Sie mal  Meine Frau!
Fußnote zur Fußnote 2: Wer würde schon meine Fußnoten lesen, wenn ich dort nicht ein paar kauzige Bemerkungen und Sticheleien einbauen würde. Q.e.d.

Problem 3: Die Kunst des guten Fragens

Ich würde es wagen zu behaupten, daß - wer die richtige Frage stellt, auch immer eine befriedigende Antwort bekommt. Wenn der Schüler gut fragt, kann sogar der Lehrer durch den Gedankenanstoß etwas lernen.
 Leider aber sind wir Langnasen durch unser Erziehungssystem oft darauf getrimmt, möglichst viel zu fragen, was uns durch unser offensichtliches "Mitdenken" eine gute Note in Aufmerksamkeit einträgt. Generationen von Schülerscharen lebten ihre Profilneurosen darin aus, mittels Hinterfragen von völlig Offensichtlichem (also Fragen zu stellen, die mittels minimem Ingangsetzen des Gehirns beantwortbar gewesen wären), ihre vermeintlich hohe Geistesleistung zu demonstrieren.
Leider gehörte ich auch dazu. In der chinesischen Kultur ist man solches natürlich nicht gewohnt: Nachdem ich meinen ersten chinesischen Akupunkturlehrer auf Taiwan drei Tage mit meinen 99% überflüssigen Fragen genervt hatte, sagte er zu mir: "Paß auf! Wir machen das jetzt so: Wenn Du künftig Fragen hast, schau erst mal zu, bis alles fertig ist. Dann denk nochmals drüber nach. Wenn du die Antwort nicht findest, schau in den Büchern nach und versuche sie dort zu finden. Wenn du die Antwort immer noch nicht weißt, frag mich, und zwar genau nach dem was du wissen willst und zwar möglichst auf einen Satz konzentriert."
An dieses Konzept habe ich mich seither gehalten, und zwar erfolgreich.

Problem 4: Der Turmbau zu Beijing

Der Leser von TCM-Literatur muß sich zunächst mit den unsäglich vielen Kreationen von westlichen Termini für das gleiche chinesische Wort abfinden. So heißen  z.B. "xü" und "shi", (gesprochen etwa "chü", mit "ch" wie in Gicht, und "schr" wie in Schreck) je nach Autor mal Inanitas/Depletion und Repletio/Repletion (Porkert) , Deficiency and Exzeß (Maciocia, Bensky), Vacuity and Repletion (Wiseman), Stenic and Asthenic (Ou, et al.). Da sich seit Schnorrenberger unter deutschen Therapeuten die Begriffe "Leere und Fülle" eingebürgert haben, macht uns dies zwar weniger Kopfschmerzen, doch auch bei uns gibt es noch keinerlei Standards (oder zuviele ?) für TCM-Termini. Mit der Zeit gewöhnt man sich jedoch an die Idiosynkrasien eines jeden Autors... (3)
Auch an gräßliche Übersetzungen muß man sich gewöhnen. Ich mag ja vielleicht falsch liegen, aber mein Eindruck ist der: Wenn der Leser einen Satz in seiner Muttersprache beim dritten Lesen noch immer nicht versteht, dann hat der Übersetzer auch nicht verstanden um was es geht, und versucht sich mit vagen, ambilvalenten oder verwirrenden Satzbildungen durchzumogeln.(4)  Motto: "Wenn du sie nicht überzeugen kannst, so kannst du sie wenigstens verwirren."

Die Schwierigsten und ergo gräßlichsten Übersetzungen sind meist die Klassiker.(5) Wer nicht begreift, warum das so ist, der sollte mal Shakespeare oder Walther von der Vogeweide im Original lesen. Zitate aus diesen (den Klassikern - nicht den Dichtern) sind zwar gut zur Untermauerung einer These geeignet und machen sich auch immer gut in eigenen Werken ("das hat schon der gelbe König im Internistischen Klassiker gesagt, irgendwo im Teil 2,  Spirituelle Drehaxe...oder war es Drehspieß?"), wie aber die Erfahrung zeigt, ist das Lesen der Klassiker zum Erlernen der TCM keineswegs unabdingbar.
Beweis: Wer das Neijing wirklich kennt, sollte es mal mit den "Theoretischen Grundlagen" der TCM vergleichen. Kommt einem das nicht merkwürdig bekannt vor ? Eben. (6)

Will man nun in China selbst studieren, so ergibt sich ein anderes Problem, die Sprachbarriere: Eine von mir selbst erprobte Lösung des Problems, die ich aber nur den ganz sturen weiterempfehlen kann, besteht einfach darin, die chinesische Sprache und Schrift in modern und klassisch zu lernen und schon kann man zusammen mit Chinesen in deren Land studieren. Wer aber weniger als 10 Jahre von Zuhause wegbleiben will oder nächstes Wochenende schon etwas anderes vorhat, dem bleibt meist nur die Wahl der Qual - zwischen einem sprachlich gut ausgebildeten bilingualen Übersetzer der keine Ahnung von TCM hat, oder einem guten TCM-Arzt der sein Englisch (oder Deutsch) im Abendkurs gelernt hat.
Im Prinzip sind zu Beginn beide gleich schlecht und werden immer besser, je länger sie mit einem zusammenarbeiten. Woher soll auch ein Übersetzer wissen, daß "se mai" in englisch mal "choppy pulse" und mal "rough pulse" heißt. Ich selbst habe schon die nicht unoriginelle Eigenkreation eines Übersetzers "uneven puls" für "se mai" gehört. Eigentlich kein Problem, wenn man die 28 Pulsqualitäten im Kopf hat, dann läßt sich auch dies erraten. Und hat man sich einmal auf einen bekannten Standard geeinigt, so wird die Sprachbarriere mit der Zeit immer kleiner.
Der TCM-Arzt hat dem Dolmetscher gegenüber aber zusätzlich den Vorteil, auch sein praktisches Wissen vermitteln zu können und ist daher langfristig eher bevorzugt.
Wer mit einem gutem Wissensfundament nach China geht oder in Deutschland von einem chinesischen Arzt lernt, wird jedenfalls mehr Achso-Erlebnisse als Aha-Erlebnisse haben (7). Ich behaupte, man muß weder Chinese sein, noch chinesisch sprechen können, um TCM zu studieren.  Wer allerdings in China mal schnell einen "Studienurlaub mit Diplom" für drei Wochen machen möchte, der darf nicht allzuviel an Wissensvermittlung erwarten, es sei denn er lernt besonders gut durch zuschauen (solls' ja geben).

(3)=Meine einzige Hoffnung, wie Sie sicher erraten haben.
(4)= Auch hier weiß ich, wovon ich spreche: Ich habe auf Taiwan als professioneller Übersetzer von kommunikationstechnischen Dokumenten gearbeitet ;-)
(5)=Außer meinen, natürlich - selbstredend...
(6)=Wer's genau wissen will: Vor den wilden Fünfzigern gab es so etwas wie "Theoretische Grundlagen der Chinesischen Medizin" als Lehrfach überhaupt nicht. Diese wurden nämlich allesamt von Neijing-Experten aus diesem herausdestilliert und in logische Form gebracht. Ergo: Wer die "Grundlagen" gut beherrscht, hat schon das halbe Neijing in der Tasche.
(7)="Achso" sagt man, wenn man etwas schon vorher wußte und danach einen neuen Zusammenhang sieht. "Aha" hingegen ist ein Ausdruck der Überraschung gegenüber einer völlig neuen Erkenntis.   Achso ?

Problem 5: Die Füße im Feuer (von Konrad Ferdinand Meyer)

Obwohl ich bis heute nicht weiß, ob es sich nun um Meyers Feuer oder Ferdinands Füße gehandelt hat, das Verweigern des Auswendiglernen obigen Gedichtes, hat mir jedenfalls eine "6" in Deutsch mündlich, und ein traumatisches Erlebnis im Zusammenhang mit dem Auswendiglernen eingetragen. Das moderne Lehrverständnis des Westens legt nunmehr, wie ich höre, größeren Wert auf das Begreifen des Prinzips als auf stures Pauken. Richtig so! Jawoll.
Das mag auch insbesondere für intuitive Heiler seine Richtigkeit haben, doch wer Akupunktur lernen will, findet erstmal 361 Punkte und Zillionen extrameridiane Sonderpunkte vor, die er -bitteschön- doch als erstes mal eben auswendig lernen soll. Wem das viel erscheint, der soll doch erst mal abwarten, bis er sich mit fünf- sechshundert Arzneimitteln und deren Kombinationen zu mehreren Tausend Rezepturen abplagen muß. Angst ? Nö! Gut.
Die Wahrheit ist nämlich, daß der "normale" TCM-Arzt meist mit 120 Punkten am Krankenbett (fast) völlig hinkommt und auch die 130 wichtigsten Arzneimittel schon das Gros der Therapie abdecken. Auch Rezepturen werden heutzutage sowieso meist nur als Ausgangspunkt für Modifikationen verwendet. Wie könnte es auch sonst eine individuelle Therapie für jeden Patienten geben ? Bleiben also ein paar hundert Informationen die halt gepaukt werden müssen (das bleibt auch dem Jura- oder Medizinstudenten nicht erspart). Aber ein einigermaßen gutes Studium der TCM dauert ja auch in Deutschland mindestens drei Jahre.(8)

Das Verwenden von Computern bei der Therapiefindung ist als Hilfsmittel für den Einsteiger durchaus zu empfehlen, solange er sich darauf einstellt, mit wachsender Praxiserfahrung auch ohne diesen auszukommen. In China wird sich diese Methode jedoch auch bei weniger Stromausfällen nicht durchsetzen können.
Warum darf denn auch ein/e A/Ärzt/in (9)  nicht mal zugeben, daß er mal eben sicherheithalber etwas nachschlagen muß, weil er/sie es nicht oder nicht genau weiß ? Perfektion ist etwas für Götter. Und wer etwas dreimal nachgeschlagen hat, der kann es anschließend meist auswendig.
Also: Nicht verzagen - täglich einen Akupunkt und ein Arzneimittel auswendig lernen, dann hat man schon nach einem Jahr das Gröbste hinter sich.
(8)=  In Taiwan 7 Jahre, in China 5 bis zum Arzt und 10 bis zum Doktor der chinesischen Medizin.
(9)=Der/die verehrte Leser/in/um und /um/Ulm/herum möge mir vergeben, daß mein Neudeutsch noch nicht so perfekt ist. Ich war schließlich eine Dekade von Zuhause weg und habe vieles versäumt. Wenn ich jedoch mal nur "Arzt" oder "Leser" sage, so meine ich damit dennoch gleichzeitig alle Vertreter sämtlicher Geschlechter und deren Verwandte und Verschwägerte und möchte damit keineswegs irgendjemanden benachteiligen oder ausschließen oder gar irgendwelche abgefeimten Anspielungen machen.                                                                        In tiefer Zerknirschung - der Autor

Problem 6: Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust

Wenn man schließlich soweit gekommen ist, daß man einen Patienten völlig im Sinne der TCM diagnostizieren und den Krankheitsprozeß oder das Syndrom danach beurteilen kann, stellt sich automatisch die Frage: Muß ich nun das schulmedizinische Denken vergessen ? Wie kann ich das abstrakte, induktive Denken der TCM mit dem konkreten deduktiven Denken der Westlichen Medizin verbinden, obwohl doch beide entgegengesetzt scheinen ?
Zunächst einmal sollte man sich klar machen, daß es eine große Gemeinsamkeit gibt: Beide Systeme haben den menschlichen Körper und seine Krankheit zum Objekt. Das Verbinden beider Denkweisen stellt sich mit der Zeit automatisch ein, ähnlich wie beim Tanzen oder Tai Ji Quan: Anfangs gibt man entweder auf die Füße oder auf den Oberkörper acht, aber mit der Zeit bewegt man beide gleichzeitig ohne genau zu unterscheiden wer nun was tut.
Wie so etwas praktisch funktioniert zeigt das folgende Beispiel aus meinem Buch "Das Blutstasesyndrom":
"Ein 60-jähriger Schlemmer, der laut Anamneserhebung Durst hat, zuwenig Flüssigkeit und statt dessen viele fette und schwere Speisen zu sich nimmt, erzeugt sowohl einen Mangel an Körperflüssigkeiten (~YIN-LEERE) als auch eine endogene Hitze- oder Schleimbildung. Sein Blut enthält laut Labor einen hohen Blutfettspiegel  (~pathogener SCHLEIM) und das Verhältnis zwischen Zellen und Plasma ist zu Gunsten der festen Bestandteile, der Zellen verschoben. Er hat also eine erhöhte Blutviskosität oder "dickes Blut" wie man im Volksmund sagt. Die damit verbundene schlechte Durchblutung der Kapillaren erzeugt im Gewebe eine verminderte Sauer- und Nährstoffversorgung und eine höhere Blutviskosität. (~BLUTSTASE). Wenn diese über längere Zeit besteht, reagiert das am Stärksten betroffene Gewebe mit einer Übersäuerung oder funktionellen Störungen die schließlich zu organischen Veränderungen führen. Kommt nun beispielsweise noch ein exogener pathogener Faktor wie z.B. WIND in Form einer Infektion oder TROCKENHEIT als witterungsbedingte Einwirkung hinzu, so könnte sich diese Kombination von endogenen und exogenen Faktoren beispielsweise als Blutstase mit Hitze d.h. als fiebrige Infektion oder Blutstase mit Trockenheit d.h. als Psoriasis in der Haut manifestieren. Im letzteren Falle ist es nun nicht möglich, genau zu bestimmen inwieweit die endogene YIN-Leere (Wurzel) oder die exogene TROCKENHEIT oder die BLUTSTASE (Zweig) für die Psoriasis verantwortlich ist. Aber das ist auch nicht notwendig, da der aktuelle Zustand des Patienten per se der Diagnose zugrunde gelegt wird: Je nach dem, welcher pathogene Faktor überwiegt, wird die Hauptwirkrichtung der Rezeptur bestimmen. Die anderen Faktoren werden aber in jedem Falle mittherapiert, da man sowohl endogene Wurzel und Zweige, als auch exogene Noxen mitbehandelt."

Man beachte, daß hier keine Gleichheitzeichen stehen sondern nur ungefähre Entsprechung (~) angedeutet wird. Die Integration beider Arten von Medizin, bedeutet aber auch eine Integration der Denkweisen. Man stellt schließlich fest, daß sich beide Systeme nicht Wiedersprechen, sondern sich ergänzen.

Problem 7: Die Unendliche Geschichte

"Nach vielen, vielen Jahren des theoretischen und praktischen Studiums der TCM, war ich endlich am Ende angelangt." Leider gibt es das nur im Märchen, aber es klingt trotzdem schön.
Daher zum Abschluß noch eine wahre Geschichte:
Der berühmte Pekinger Arzt Ren Ying-Qiu hatte hochbetagt in seinen Achtzigern die Angewohnheit vor sich hin zu murmeln wenn er nach Hause ging. Bei seinen Studenten schrieb man dies seinem ehrwürdigen Alter zu, wagte aber aus Respekt nicht, ihn auf seine "Selbstgespräche" hin anzusprechen. Eines Tages lief einer seiner Schüler (einer meiner Lehrer) hinter ihm her und erhaschte einige Sprachfetzen, die ihm merkwürdig vertraut vorkamen. Er faßte daraufhin schließlich den Mut und fragte: "Lehrer Ren, sagt Ihr etwa Rezepturenreime auf, wenn ihr spazieren geht ?" "Natürlich-" erwiderte der alte Meister  "Wann soll ich denn sonst üben ? Glaubst du etwa, ich könnte nichts mehr dazulernen ?"

Was lernen wir nun daraus ?
Die nackte Wahrheit über TCM ist, man hört nie auf, dazuzulernen. Ist das aber nicht wunderbar ?
Es bedeutet nämlich, daß niemand unter uns perfekt ist, und daß wir alle - egal ob Anfänger oder alte Hasen - noch etwas voneinander lernen können.

Veröffentlicht in Ausgabe 2/98 der Zeitschrift für traditionelle chinesische Medizin, VGM

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Letzter Update: 02 May 2003