Wang Qing-ren zur Theorie der halbseitigen Lähmung (Hemiphlegie)

Mediziner schreiben Bücher und versuchen den Menschen zu helfen. Eine solche Einstellung ist sehr lobsam. Dazu muß man den Kranken selbst behandeln, Methoden und Erfahrung gesammelt haben, so daß kaum ein Fehlschlag vorkommen kann, dann erst kann man seine Rezepturen der Nachwelt hinterlassen. Wenn eine Art von Syndrom nicht richtig erkannt wird, so kann man es der Nachwelt überlassen, dies zu ergänzen.

Hingegen absolut falsch ist es, aufgrund eines guten Rufes eine Theorie zu etablieren, oder eine Rezeptur für eine Krankheit zu erstellen, die man noch nie gesehen hat. Angenommen man kennt die Grundlage der Krankheit nicht, dann ist die Rezeptur unpassend. Setzt man dadurch etwa nicht Menschenleben aufs Spiel, anstatt sie zu retten. Ist das etwa nicht äußerst furchterregend ?

Es gab im Altertum z.B. Spezialisten für SHANG HAN (Kältebedingte Krankheiten), WEN BING (Fiebrige Infektionskrankheiten ), diverse Syndrome, Gynäkologie, entsprechende Rezepturen wurden eingesetzt, von welchen die meisten Erfolg zeigten. Obwohl es auch gelegentlich Ungenauigkeiten gab, so waren es doch meist nur Fehler geringerer Art.

Was jedoch halbseitige Lähmung angeht, die auch schon früher beschrieben wurde, so gab es unter den mehr als vierhundert medizinischen Schulen nur wenige, die Theorien über sie aufstellten, und unter diesen wenigen widerum nicht einen der ihre Herkunft beschrieb. Doch kennt man die Herkunft der Krankheit nicht, wie kann man da eine richtige Rezeptur erstellen ?

Ich habe dieses Syndrom schon früh zu Gesicht bekommen und folgte dann den Theories des LING SHU und SU WEN (Innerer Klassiker des Gelben Kaisers), sowie ZHANG ZHONG-JINGs Theorie (SHANG HAN und JIN GUI YAO LÜE), jedoch ohne Erfolg. Danach benutzte ich die Methoden der HE JIAN-Schule, also LI DONG-YUANs und ZHU DAN-XIs Theorien, doch die Arzneien zeigten ebenfalls keine Wirkung. So drehte ich im Kreise ohne voranzukommen.

Doch ZHANG ZHONG-JINGs SHAN HAN-Theorie und WU YOU-KEs WEN BING-Theorie waren ja auch völlig eigenständig, also unabhängig von den klassischen Werken zustandegekommen. Ich hatte nur den Willen, den Menschen zu helfen, aber keine Mittel dazu.

Also forschte ich 40 Jahre lang, wann immer ich auf diese Krankheit traf, genauestens nach Mangel oder Überfluß von Qi und Blut, und differenzierte nach der Un- oder durchgängigkeit der Meridiane. Die Ergebnisse dieser Forschung wollte ich bekannt machen, um späteren Generationen zu nutzen zu sein, doch wagte ich es zunächst nicht, mich daran zu vergehen, die klassischen Verfahren zu kritisieren und stattdessen eine neue Methode vorzuschlagen.

Meine Freunde aber sagten: Wenn Du mit Aufrichtigkeit eine bewährte und gute Methode vorschlagen kannst, die die klassischen Methoden vervollständigt, so hilfst Du damit die Probleme der Nachwelt zu lösen, doch nicht nur das, gleichzeitig trägst Du zur Verbessereung der klassischen Methoden bei. Wo wäre das denn ein Vergehen ?"

Daraufhin überwand ich mich und schrieb über Hemiphlegie bei Männern, Frauen und Kindern, Lähmung der Beine und Muskelatrophie, Krämpfe und Konvulsionen, deren Ursachen und Erscheinungsformen, bewährte Rezepturen, gute und schlechte Prognose, sowie alle unrichtigen früheren Beschreibungen der Gefäße, Organe und Meridiane aufs genaueste nieder, erklärte sämtliche Einzelheiten und hoffe nun, daß alle notwendigen Ergänzungen von den guten Ärzten der Zukunft gemacht werden, die es ohne Frage dann geben wird.

Theorien über halbseitige Lähmung (Hemiphlegie)

Obwohl es sich nur um eine Erkrankung handelt, sind die Theorien hinsichtlich der Hemiphlegie bei je nach Autor verschieden. Angefangen vom LING SHU (Innerer Klassiker des gelben Kaisers, Kap. 75) das erklärt:

"Wenn der pathogene Faktor LEERE in eine Hälfte des Körpers eingedrungen ist, und in tieferen Schichten das wohlgenährte WEI-Qi (Verteidigungsenergie) verletzt, dann verringert die Durchtränkung des WEI-Qi natürlich und das körpereigene Qi verschwindet dort, das heißt, daß das pathogene Qi dort alleine verbleibt und die halbseitige Verdorrung auftritt." Die Verdorrungskrankheit, das ist die Hemiphlegie.

Im SU WEN (Innerer Klassiker des gelben Kaisers, Kap. 42) heißt es: Wenn pathogener Wind durch die Akupunkte der fünf Speicherorgane und sechs Arbeitsorgane (fünf ZANG und sechs FU) in die Tiefe eindringt, ¾ ZANG FU Wind genannt ¾ so führt er zu einseitigem Wind, und zwar je nach der Schwachstelle an der er eindringt."

Bei ZHANG ZHONG-JING heißt es: "Bei apoplektischem Wind-Schlag (ZHONG FENG) kann sich eine Hälfte des Köpers nicht willentlich bewegen."

Alle drei Theorien führen die Krankheit auf pathogenen Wind zurück. So hatten die klassischen Rezepte keine Wirkung, bis schließlich LIU HE-JIAN erschien, und ¾ nachdem er die Wirkungslosigkeit der klasischen Rezepte gesehen hatte, eine neue Theorie aufstellte: Apoplektischer Wind-Schlag (ZHONG FENG) wird nicht durch ungebändigten Wind des Leberfunktionskreises d.h. inneren Wind verursacht, und auch nicht durch von außen kommenden pathogenen Wind, die Ursache liegt darin daß das physiologische Feuer im Körper durch übermäßig aktiven Lebenswandel geschürt wird, sein Gegenstück das physiologische Wasser allmählich verbraucht wird und das Feuer nicht mehr zu bändigen vermag, so daß der Geist schließlich ohnmächtig wird, und der Kranke stirbt ohne bei Bewußtsein zu sein."

LI DONG-YUAN bemerkte den Widerspruch in LIUs Theorie und Rezeptur und stellte daher eine weitere Theorie auf: "

"Wind-Schlag (ZHONG FENG) tritt meist bei Patienten mit Qi-Leere auf, die von pathogenem äußerem Wind getroffen werden. Die Krankheit findet sich meist erst nach dem 40. Lebensjahr, bei dickeren häufiger als bei dünnen, darunter auch feiste Patienten mit weißlicher Haut und Kraftlosigkeit durch Qi-Leere." Er unterschied zwischen Wind-Schlag der Speicherorgane (ZANG) und der Arbeitsorgane (FU), der Blutgefäße und der Meridiane und stellte die Hypothese auf, die Urasache dafür daß der pathogene Wind den Patienten überhaupt afflizieren kann, seie in der zugrundeliegenden QI-Leere zu finden.

ZHU DAN-XI empfand jedoch LIs Rezepturen und Syndrome als unpassend und ergänzte sie um eine weitere Theorie, in der er erklärte im kalten Norden gäbe es den Wind-Schlag (ZHONG FENG), doch die Krankheit im feuchtwarmen Süden sei kein echter Wind-Schlag (ZHONG FENG). Sie entstehe meist nach einer zugrundeliegenden inneren QI oder Blutleere, sowie dem (pathogene) Schleim der im Körper aus der pathogenen Feuchtigkeit des Wetters entsteht. Solcher Schleim widerum erzeugt Hitze und Hitze erzeugt inneren Wind. Seine Theorie spricht also über Schleim und erklärt Feuchtigkeit und Schleim zur Ursache.

WANG AN-DAO, nachdem er ZHUs Theorie, daß die im feuchten Süden auftretende Erkrankung kein echter Wind-Schlag sei, gelesen hatte, fügt noch hinzu, daß die im Klassiker des Gelben Kaisers und bei ZHANG ZHONG-JING aufgefürte Krankheit der echte Wind-Schlag sei, hingegen die bei LIU HE-JIAN, LI DONG-YUAN und ZHU DAN-XI beschriebene Krankheit sei eine dem Wind-Schlag ähnliche Erkrankung (LEI ZHONG FENG).

YU TIAN-MING sagt dazu: " WANG AN-DAO unterscheidet zwischen echtem Wind-Schlag und windschlagähnlicher Krankheit, doch so ist das auch nicht richtig; schaut man sich alle diese Erkrankungen an, so sind sie völlig auf Qi-Leere, Feuchtigkeit, und Schleim in Verbindung mit Wind zurückzuführen, wo hat man denn je etwas von der Unterscheidung zwischen echtem und ähnlichem Wind-Schlag gehört ?"

Einzig ZHANG JING YUE hat den Weitblick eines großen Mediziners, er erkennt daß die halbseitige Lähmung in den meisten Fällen auf Qi-Leere zurückzuführen sei, daß sie zwar Wind-Schlag heiße, aber nicht auf Wind zurückzuführen seie. Stattdessen aber zitiert er das NEI JING (Innerer Klassiker) und bringt sie mit dem dort aufgeführten Syndrom Ohnmacht (JUE NI) in Verbindung mit Hitze, Kälte, Blut (XUE)-Leere und den zwölf Meridianen zusammen, was natürlich auch nicht mit dem den Symptomen des Wind-Schlags übereinstimmt und somit die Rezepturen ebenfalls nicht wirken können. Es ist halt schade, daß der Meister solche Fälle nur wenig zu Gesicht bekommen hat.

All diese berühmten Mediziner führen als Krankheitsursache nur Wind, Feuer, Qi, oder Schleim auf. Daher sind sämtliche Rezepturen Wind vertreibend, Feuer kühlend, Qi belebend, oder Schleim umwandelnd.

So heißt es dann immer bei Blut- und Qi-Leere verursachtem Wind-Schlag (ZHONG FENG) verwendet man Wind vertreibende Feuer kühlende Rezepturen und fügt Qi-stärkende und Blut-nährende Arzneimittel hinzu; bei als Folge von Leere bedingtem Zusammenbruch des Yin entstandenem Wind-Schlag (ZHONG FENG) verwendet man Yin nährende Arzneimittel und gibt Qi bewegende und Schleim umwandelnde hinzu; mal wird viel Gesundheit gestärkt und wenig Krankheit attackiert, und mal wird wenig gestärkt und viel angegriffen, das nennt sich dann stolz gleichzeitige Stärkungs- und Angriffstherapie.

Doch wenn man sich nun an diese Methoden hält, zeigen sie einfach keine Wirkung. Und dann wird noch immer nicht über mögliche Fehler der Klassiker diskutiert, stattdessen heißt es daß die klassischen Rezepturen nicht zu den heutigen Krankheiten passen, weil es ja so bequem ist zu sagen, daß die heutige Konstitution nicht mit der im Altertum übereinstimme. Angenommen, die Rezepturen passten nicht zu den Krankheiten, weil die Konstitution eine andere ist, wieso bitte wirken dann MA HUANG- ZHENG QI-, XIE XIONG- und CHAI HU-Rezepturen ausgezeichnet bei SHANG HAN (Kältebedingte Krankheiten), aber kaum das von Wind-Schlag (ZONG FENG) die Rede ist, schon haben all die Rezepturen wie DAO TAN-, QIN JIU-, SAN HUA-Dekokt keinerlei Wirkung ?

Es kommt offenbar niemand auf den Gedanken, daß es zwei Möglichkeiten bei der Erstellung von klassischen Rezepten gibt, nämlich wirksame und wirkungslose. Die wirksamen Rezepte wurden durch gesammelte persönliche Erfahrung an erfolgreich behandelten Krankheiten erstellt, die nicht wirksamen Rezepte wurden meist nur durch raten an theoretisch existenten Krankheiten herausgeknobelt.

Wenn nun die Theorie nur geraten ist und die Rezepturen ebenfalls nur auf solche Theorien statt auf Erfahrung beruhen, wie kann denn da überhaupt die Krankheitsursache bekannt sein ? Woher kommt Hemiphlegie und halbseitige Gesichtslähmung, woher kommt die postapolektische undeutliche Aussprache, der unkontrollierbare Speichelfluß am Mundwinkel ? Was ist der Grund für den gleichzeitigen trockenen Stuhl und Urininkontinents ? Von damals bis heute hat niemand die geringste Ahnung gehabt, alles war reines herumraten ! Wenn man bei einer Krankheit, die die Hälfte der Körperkraft dezimiert, auch noch weiter attakierende Arzneien die also weiter reduzierend wirken verschreibt, wie kann das etwas anderes als falsch sein ?

Schauen wir nach der Ursache, so finden wir den eigentlichen Fehler nicht bei den Ärzten selbst, sondern bei denen die solche Theorien veröffentlichten. Donner noch mal, wie kann man eine solche lebenswichtigen Angelegenheit durch raten zu lösen versuchen !

 

Diskussion der halbseitigen Lähmung

Wenn wir nun all die verschiedenen Lehrmeinungen die Wind, Feuer, Feuchtigkeit und Schleim als Ursache für Hemiphlegie diskutieren anschauen, welche konkreten Beweise finden wir dazu ? Ich sehe dies folgendermaßen: ZHANG ZHONG JING schreibt im Abschnitt ZHONG FENG des SHANG HAN LUN daß der Wind-Schlag (ZHONG FENG) beim Patienten Kopf- und Körperschmerzen verursache, sowie Fieber mit Abneigung gegen Kälte und trockenes Würgen mit spontanen Schweißen. Im JIN GUI YAO LUE schreibt er daß Schädigung durch Wind Niesen und verstopfte Nase versursache, sowie lautes Husten und eine laufende Nase mit dünnflüssigem Sekret.

Im Kapitel über Wind-Schlag schreibt er: "Die vom Wind verursachte Krankheit macht den Menschen halbseitig gelähmt."

Müssen wir uns dann also nicht fragen, was ist das nun für ein Wind (FENG) und was für ein Schlag (ZHONG) desselben verursacht beim Patienten Kopf- und Körperschmerzen, sowie Fieber mit Abneigung gegen Kälte und trockenes Würgen mit spontanen Schweißen ?

Was ist das nun für ein Wind (FENG) und was für ein Schlag (ZHONG) verursacht beim Patienten Niesen und verstopfte Nase, sowie lautes Husten und eine laufende Nase mit dünnflüssigem Sekret ?

Und was für ein Wind und was für ein Schlag verursacht beim Patienten halbseitige Lähmung ?

Wenn die halbseitige Lähmung wirklich von pathogenem Wind verursacht wird, der den Menschen als Schlaganfall trifft, dann muß er ja (der TCM-Theorie zufolge) durch die Haut in die Meridiane gelangen, und muß nachweisbare Syndrome verursachen wenn er von der Extima (dem Äußeren) in die Intima (das Innere) gelangt.

Trifft man nun auf Hemiphlegie so findet man in ihrem Anfangsstadium keinerlei Extima- (Außen) Symptome wie Kopf- und Körperschmerzen, sowie Fieber mit Abneigung gegen Kälte und Augenschmerzen mit trockener Nase, oder Abwechselnd Hitze- und Kältegefühle.

Wenn keines dieser Extima-Symptome (BIAO ZHENG) zu finden ist, dann geht daraus hervor, daß die Hemiphlegie auch nicht durch einen von außen eindringenden pathogenen Faktor wie Wind verursacht sein kann.

Darüberhinaus herrscht noch mehr Konfusion bei all denen die über Wind, Feuer, Feuchtigkeit und Schleim theoretisieren, denn egal ob es sich nun um Wind, Feuer, Feuchtigkeit oder Schleim handelt, ob es sich um innere oder äußere Faktoren handelt, sie müssen alle durch die Gefäße transportiert werden. In den Gefäßen widerum gibt es entweder Qi (in den Meridianen und Luo-Gefäßen) oder Blut (in den Blutgefäßen). Wenn Wind, Feuer, Feuchtigkeit oder Schleim nun Qi-Stagnation oder Blutstase erzeugen, so entsteht Schmerz als ein Symptom. Besteht nun also Schmerz als Symptom, so läßt das auf ein BI-Syndrom schließen, nicht auf Hemiphlegie. Bei Hemiphlegie gibt es keinerlei Schmerzen als Begleitsymptom. Ich habe bei all den vielen Fällen von Hemiphlegie die ich im ganzen Leben behandelt habe nicht einen getroffen, bei dem die Hemiphlegie eine Folge von schmerzhaften BI-Syndromen gewesen wäre. Auch aus dieser Überlegung heraus läst sich ausschließen, daß Wind, Feuer, Feuchtigkeit oder Schleim die Hemiphlegie verursachen.

 

Die Ursache der halbseitigen Lähmung

Manche Leute fragen mich: "Sie behaupten, die Ursache der Hemiphlegie liegt im Zusammenbruch des YUAN-Qi. Wenn das so ist, wieso zeigt sich die Krankheit dann erst beim Zusammenbruch der einen Hälfte des YUAN-Qi ? Das würde mich wirklich interressieren."

Ich sage dazu folgendes: Das YUAN-Qi fließt in den Meridianen durch den ganzen Körper und verteilt sich je zur Hälfte links und zur Häfte rechts. Egal ob ein Mensch nun geht, sitzt oder sich bewegt, das YUAN-Qi ist immer dazu nötig. Ist das YUAN-Qi ausreichend vorhanden, so hat der Mensch genug Kraft für all dies, ist es dagegen schwach, so ist er kraftlos. Ist kein YUAN-Qi mehr vorhanden, so tritt der Tod ein.

Wenn wir einmal annehmen von der gesamten Energie des YUAN-QI, gingen zwei von zehn verloren, so bleiben noch immer acht übrig, d.h. für jede Körperhälfte vier von fünf Anteilen. Daher entsteht keine halbseitige Lähmung. Fehlen aber fünf von zehn Anteile des YUAN-Qi, so bleiben noch zweieinhalb Anteile für jede Seite übrig. Obwohl zu dieser Zeit auch noch keine halbseitige Lähmung entsteht, besteht doch schon ein Mangel an Qi, auch wenn der Patient es nicht verspürt, da es weder schmerzt ncoh juckt. Wenn nun das YUAN-QI System zusammenbricht werden die Meridiane nicht mehr ausreichend mit Qi versorgt. Unter diesen Umständen ist es zumindest eine Chance für das YUAN-Qi der einen Seite, sich mit der dem YUAN-Qi der stärkeren Seite zu vereinen und zumindest diese vollständig zu versorgen: Wenn also die zweieinhalb Anteile rechts nach links fließen, so ist rechts natürlich kein Qi mehr vorhanden, wenn umgekehrt links die zweieinhalb Anteile nach rechts fließen, so ist in der linken Körperhäfte natürlich kein Qi mehr vorhanden. Ist keine Qi Energie mehr vorhanden, so kann sich nichts mehr bewegen. Fehlt die Fähigkeit sich zu bewegen, so spricht man von Lähmung, d.h. man kann die Seite nicht mehr willentlich benutzen.

Tritt dieses Zusammenfließen des übrigen Qis während des Schlafens ein, so wird der Mensch dessen nicht gewahr, beim Erwachen aber kann er die eine Körperseite nicht mehr umdrehen.

Wenn sich während des Wachseins das Qi bewegt, so fühlt der Patient es als ob sich die kranke Hälfte in Richtung der anderen Hälfte bewegte, das Geräusch dabei ist lauter wie das der Wellen von fließendem Wasser.

Wenn es hingegen im Sitzen passiert, dann neigt sich der Körper zur einen Seite hin. Wenn hingegen während des Gehens die Hälfte des Körpers durch das hinüberfließen kein Qi mehr hat, so bricht der Patient zusammen. Es wird dann meist einfach gesagt der Patient seie durch das Hinfallen halbseitig gelähmt, weil man nicht weiß das es nicht so ist, denn in Wirklichkeit ist ja durch das Zusammenbrechen des Qi die halbseitige Lähmung entstanden, und aus diesem Grunde ist der Patient hingefallen.

Diskussion der Mund- und Augenschräge (Faszialisparese)

Man sagt oft: Die Hemiphlegie ist also nicht durch Wind verursacht, wie aber steht es mit der Mund- und Augenschräge (Faszialisparese) ?

Ich sage dazu folgendes: Der Grund für die Namensgebung "Schrägheit" in früheren Zeiten liegt nur darin, daß man bei diesem Symptom nicht genau genug observiert hat. Bei der Mund- und Augenschräge ist keineswegs eine Schrägheit vorhanden, sondern nach dem Wind-Schlag, hat die eine Hälfte des Gesichts kein Qi mehr, und daher erscheint eine Seite kleiner: Ein Auge, das kein Qi mehr hat, kann sich nicht mehr vollständig öffnen, der eine Augenwinkel wird also nach unten gezogen.

Wenn die eine Seite des Mundes kein Qi mehr hat, so kann sie sich nicht mehr öffnen, die eine Seite des Mundes wird also nach oben gezogen, so daß es beim Schließen des Mundes auf den ersten Blick so aussieht, als ob er schräg sei, obwohl in Wahrheit keine wirkliche Schrägheit zwischen der linken und er rechten Seite besteht.

Bei dieser Krankheit ist es meist so, daß wenn die linke Seite des Körpers hemiphlegisch ist, dann verzieht sich die rechte Seite des Gesichts, wenn umgekehrt die rechte Seite des Körpers hemiphlegisch ist, dann verzieht sich die linke Seite des Gesichts. Dies läßt einen vergebens nach einer Erklärung suchen, es gibt auch in den Büchern dazu keine Hinweise, was soll man da tun ?

Manche Meridiane kommen von der linken Rumpfseite und überkreuzen sich im Gesicht oder am Kopf nach rechts hin, oder sie kommen von rechts und gehen zur linken Gersichts- oder Kopfseite, links und rechts überkreuzen sich also. Dennoch wage ich es auch nicht, dies als Erklärung zu etablieren, wir müssen wohl warten bis diese Erklärung durch eine genauere und bessere Forschung ergänzt werden kann.

Zustand vor der Erkrankung (Apoplektische Prodromalsymptome)

Kann man ein Leere-Syndrom diagnostizieren nachdem das YUAN-QI zusammengebrochen ist, jedoch bevor die Hemiphlegie auftritt ?

Von allen Krankheiten habe ich diese im Leben am häufigsten behandelt und kenne sie am besten. Jedesmal wenn ich (den Schlaganfall) behandele, frage ich den Patienten nach dem Zustand vor der Erkrankung. Meist heißt es, der Patient habe ein Schwindelgefühl verspürt, manche sagen auch ihr Kopf habe sich auf einmal sehr schwer angefühlt, andere hörten mit einem Male ein Rauschen in den Ohren oder ein hohes Sirren wie von Zikaden.

Manche sagen ihr Unterlid habe oft gezuckt, andere sagen eines ihrer Augen seien allmählich immer kleiner geworden, oder die Augen hätten plötzlich zu starren angefangen, oder vor den Augen habe sich etwas gedreht wie ein Wirbelwind.

Mache sagen, es hätte sich angefühlt als ziehe ein kalter Luftzug in die Nase, andere fühlten die Oberlippe zucken, oder als würden die Lippen zusammengezogen. Einige sagten ihnen sei im Schlaf Speichel aus dem Mund gelaufen, einige Patienten mit normalerweise gutem Gedächtnis, hätten plötzlich keine Erinnerung an etwas gehabt, oder plötzlich beim Reden nicht mehr gewußt, was Anfang und Ende des Satzes war, oder auf einmal sinnlos dahergeredet.

Manche sagten sie hätten grundlos Atemnot verspürt, oder eine Hand hätte oft gezuckt oder beide Hände gezittert, oder der Ringfinger hätte sich täglich einmal gekrümmt ohne das sie ihn gerade machen konnten, oder der Daumen hätte sich von selbst bewegt, oder der Arm sei plötzlich taub geworden.

Andere sagten ihr Bein sein unvermittelt taub geworden, oder ihre Muskeln hätten plötzlich gezuckt, un manche sagten sie hätten immer wieder ein Kältegefühl in den Fingerspitzen verspürt, oder unter den Nägeln der Fußzehen, während andere sagten es habe sich angefühlt, als sei ein kalter Luftzug aus den Knien gekommen, oder ihr Unterschenkel sei plötzlich weich geworden, so daß sie nach außen umknickten, während andere über gelegentliche Krämpfe in den Beinen oder in den Fußzehen berichteten, oder sagten, es habe sich beim gehen angefühlt, als seien ihre Beine hohl und leer wie geknickte Zwiebelstengel.

Einige sagten, sie haben in der Brustmitte ein Gefühl gehabt, als sie die Luft steckengeblieben, oder als sei die Brust plötzlich hohl und der Atem bleibe ihnen stecken, während einige über ein plötzliches Angstgefühl in der Brustmitte berichteten.

Manche sagten ihr Nacken sei plötzlich steif geworden oder der Körper habe sich im Schlaf plözlich ganz schwer angefühlt.

Dies sind alles Zeichen dafür, daß das YUAN-Qi zusammenbricht, da es jedoch weder schmerzt noch juckt, weder Schwitzen oder Frieren vorhanden ist, noch das tägliche Leben beeinflußt wird, werden diese Vorzeichen meist ignoriert.

Diskussion der Hemiphlegie bei Kindern

Können Kinder ebenfalls von halbseitiger Lähmung befallen werden ?

Ich sage dazu folgendes: Es gibt nicht wenige Kleinkinder von einem Jahr bis zum späteren Kindesalter die alle plötzlich solcherart erkranken. Meistens tritt dies als Folge von SHANG HAN, WEN BING, pockenartigen Infektionskrankheiten, ruhrartigen Erkrankungen usw auf.

Nach der Krankheit ist das YUAN-QI geschädigt, die Gesischtsfarbe ist zyanotisch blaß, die Hände und Füße können sich allmählich immer weniger bewegen, in schweren Fällen treten Krämpfe der Glieder auf. Die Glieder werden steif als seien sie aus Ton.

Dies ist alles eine Folge davon, daß das Qi nicht die Glieder erreicht. Früher wurde auf Wind Syndrom hin behandelt, da man noch nicht genug Erfahrung hinsichtlich dieser Krankheit hatte.

Theorie hinsichtlich der Paralyse und Atrophie

Wenn es heißt, daß das YUAN-QI von links und rechts zu einer Seite hin zusammenfließt, was dann die halbseitige Lähmung erzeugt, kann es dann nicht auch sein daß oben und unten zusammenfließen ?

Ich erkläre dazu folgendes: Wenn die Hälfte des YUAN-Qis zusammenbricht, und in der unteren Körperhälfte 50% des Qis fehlt, so muß nach dem fließen des Qi’s ein irgendwo ein Zusammenbruch stattfinden. Wenn das Qi plötzlich in der oberen Körperhälfte zusammenfließt, dann kann es den unteren Teil nicht versorgen und die beiden Beine werden gelähmt und atrophieren.

Während jedoch die Klassiker dieses Atophiesyndrom nur auf Feuchte Hitze des Magen-Meridians zurückführen, die nach oben hin verdampfende Hitze im Lungenfunktionskreis erzeugt und erklären wenn die Lungenblätter durch Hitze Schaden nehmen, dann verdorren die Haut und Poren und die Atrophie nimmt ihren Lauf. Man verabreichte demzufolge kühlende purgative Rezepturen.

Wenn ich hingegen auf kühlende purgative Rezepturen zu sprechen komme, dann danke ich dabei eher an die Behandlung von schmerzhaftem BI-Syndrom, das durch Feuchtigkeit und Hitze entstanden ist, jedoch zur Behandlung von Paralyse und Atrophie der Beine völlig ungeeignet ist.

Sollte es etwa nicht unbekannt sein, daß schmerzhafte BI-Syndrome nach langer Zeit zwar schließlich zur Paralyse der Beine führen können, jedoch nach der Paralyse noch immer weiter schmerzen ? Das Atrophiesyndrom um das es hier geht läßt die Beine plötzlich gelähmt werden, doch von Anfang bis Ende ist keinerlei Schmerz verspürbar. Wenn man Krankheitsursache und ihre Folgen nicht klar unterscheidet und Leere mit Fülle-Syndrome durcheinanderbringt, heißt das etwa nicht Schaden an der Nachwelt zu verursachen ?

Aus: Wang Qing-ren "Yi Lin Gai Cuo" (Korrektur der Fehler in der medizinischen Welt), vollständig übersetzt in Gunter R. Neeb: Das Blutstasesyndrom- Chinas klassisches Konzept in der modernen Medizin, VGM-Erich Wühr, Kötzting 1999 (Winter)

Home

zurückBack Home Up Nextweiter

Zum Anfangder Seite

Fragen oder Kommentare per e mail bitte an: Webmaster@TCMinter.net.
Copyright © 1999-2002 TCM International GmbH
Die in dieser Homepage veröffentlichten Artikel sind, sofern nicht anders ausgewiesen, Erstveröffentlichungen. Alle Urheberrechte liegen jeweils beim Autor. 
Letzter Update: 02 May 2003