TCM in Taiwan und China, Tradition vs. Wissenschaft

"Republik China", "Nationalchina" oder "R.O.C." sind die weniger bekannten offiziellen Namen für die kleine Insel Taiwan, mit altem Namen Formosa genannt. Ursprünglich von malayischen Ureinwohnern und seit über 300 Jahren von Chinesen der Fujian Provinz besiedelt, im 18. Jh. von Holländern und 1895-1945 von Japanern besetzt, diente die Provinz seit 1949 der nationalchinesischen Regierung Chiang Kai-Sheks als "vorläufiger" Regierungssitz. Damals in der Hoffnung, das Festland aus den Händen Mao Ze-Tongs zurückzuerobern, begann Chiang seine westlich-wirtschaftlich orientierte Politik, die Taiwan in einem Wirtschaftswunder aufblühen ließ und zu einem der reichsten Länder Asiens machte.

Auf dem Rückzug vor den Kommunisten kamen mit Chiang einige der größten Gelehrten, Wissenschafter und auch Traditionalisten nach Taiwan, die sich als Bewahrer der chineischen Kultur verstanden, insbesondere, nachdem während der Kulturrevolution 1966-76 in China viele der alten Bräuche ausgemerzt und ihre Lehrer denunziert wurden. Die erstrebte "Verwissenschaftlichung" leerte das Kind mit dem Bade aus, und krempelte die traditionellen Werte im Festland Chinas völlig um. Über die Entwicklung der traditionellen Medizin Chinas in den beiden Ländern soll hier nun berichtet werden.

Die traditionelle chinesische Medizin entwickelte sich in den beiden Chinas seit 1949 ziemlich unterschiedlich: Die nationalchinesische Regierung auf Taiwan strebte eifrig dem damals verbündeten Amerika nach, sponsorte die westliche Schulmedizin, und ignorierte die traditionelle Medizin. Letztere fand umso mehr Zuspruch im Volk, das die TCM damals wie heute noch besonders bei chronischen oder durch durch Schulmedizin unbefriedigend behandelten Leiden. Die mit Chiang Kai-shek angekommenen traditionellen Aerzte waren zum großen Teil gute Therapeuten aus bekannten Ärztefamilien und führten die Tradition der Meister-Lehrlings-Ausbildung weiter. Paralell dazu gab es seit den 60ern das China Medical College, welches eine akademische Ausbildung von 8 Jahren anbot. Die traditionelle Medizin auf Taiwan wird fast immer noch wie vor 100 Jahren ausgeübt, mit dem Schwerpunkt auf den traditionellen Methoden wie Pulsdiagnose, Auswendiglernen der Klassiker usw.

Seit wenigen Jahren erfährt die TCM auch Unterstützung durch offizielle Stellen die mit TCM-Forschungsprogrammen den Vorsprung des Festlandes auf diesem Gebiet einzuholen gedenkt. Da sich beide in Privatpraxen abspielen, konkurrieren Schulmedizin und TCM in Taiwan miteinander und sind nicht gut auf einander zu sprechen.

Auch in China lebte die traditionelle Medizin zunächst im Volke weiter, obwohl sie offiziell nicht unterstützt wurde. Erst als Mao in den Fünfziger Jahren verkündete, die traditionelle Medizin sei ein Schatz der gehoben werden müsse, wurden vielerorts Universitäten gegründet und die Medizinsysteme nebeneinander etabliert. Doch die universitäre Ausbildung mußte zwangsläufig anders verlaufen als die traditdionelle Einzelausbildung, die auf Auswendiglernen, dem Meister zuschauen und schließlich dem intuitiven Vernetzen der Informationen beruhte. Um die TCM den großen Klassen zugänglich zu machen, mußte sie vereinfacht, systematisiert und von Aberglauben "gereinigt" werden. Da die TCM zuvor ein eklektisches System von teilweise wiedersprüchlichen Theorien war, die je nach Bedarf pragmatisch angewendet wurden, ging bei dieser Anpassung an westliche Logik natürlich einiges verloren. Gleichzeitig aber wurde versucht, ihre Wirkungsweise mit moderner Wissenschaft zu erklären, was neue Zusammenhänge aufdeckte und der TCM zu einem modernen Prestige verhalf.

In China, anders als in Taiwan, existieren heute die drei Systeme Schulmedizin, TCM und Integrierte, also westliche und chinesische Medizin friedlich nebeneinander. So gibt es z.B. in vielen schulmedizinischen Krankenhäusern eine Abteilung für TCM, während in TCM-Krankenhäuser die Notfallaufnahme und Intensivstation viel Schulmedizin einsetzen um ein Optimum an Effiziens zu gewährleisten. Es gibt allerdings China nicht eine Krankheit, die nicht in beiden Krankenhäusern behandelt werden würde. Krebs ist eines der besten und häufigsten Beispiele, wie beide Systeme kombiniert werden. Während Bestrahlung oder Chemotherapie den offensiven Teil im Kampf gegen den Krebs bestreitet, wird die Defensive von der TCM getragen, die das Immunsystem stärkt, und dem Körper hilft, sich selbst zu helfen. Gleichzeitig können durch Verabreichung von TCM-Arzneien die Nebenwirkungen der offensiven Therapien stark gemildert, oder sogar auf Null reduziert werden.

In der jungen Generation Chinas, die wenig Zeit hat und nur im akuten Fall zum Arzt geht, besteht eine Tendenz zur "schnellen" Schulmedizin, die immer ein paar Pillen parat hat, doch die im Alter vermehrt auftretenden chronischen Krankheiten wie Migräne, Tinnitus, Rheuma, Lähmung nach Schlaganfällen oder chronische Hepatitis sind eine klare Domäne der TCM.

Dies indiziert auch schon das Prinzip, wie es im Volksmunde häufig zu hören ist: "Bei Notfällen und akuten Krankheiten geh zu jungen Schulmedizinern mit neustem Wissen; bei chronischen, komplizierten Erkrankungen such Dir einen alten, erfahrenen TCM-Arzt."

Während in China vowiegend Arzneidrogen verschrieben werden, besteht in Taiwan die Tendenz Einzelarzneien wie auch Rezepturen als fertige Pulverarznei einzunehmen, die sogennante "Ke hsue chong yao" (ke xue zhong yao), die den Vorteil hat, überall und ohne zeitaufwendiges Kochen einnehmbar zu sein, jedoch den Nachteil, für den Therapeuten weniger individualspezifisch verschreibbar zu sein und daher nicht so flexibel dem Patienten angepaßt werden kann. Die größten Fertigarzneihersteller wie Shun Ten, Min Tong, Tian Yi u.a. liefern auch ins Ausland und ihre unter sorgfältigem Aufwand hergestellten Produkte sind sogar in einigen europäischen Ländern erhältlich.

Obwohl die Regierungen der beiden Länder oft im Streit liegen, finden regelmäßige Symposien und Kongresse auf beiden Seiten der Taiwan-Straße statt, an der die Fachleute aus den beiden Chinas ihre Informationen austauschen.

Taiwan gibt z.Zt. für die TCM-Forschung mehr aus als jemals zuvor, doch in diesem Bereich ist das Festland mit seinen seit Jahrzehnten bestehnden Forschungseinrichtugen nach wie vor federführend. Was jedoch die unreformierte, traditionelle Medizin angeht, so ist diese in Taiwan vorherrschend und zeichnet sich durch einige im Festland nicht mehr vorhandene Familientraditionen wie z.B. die Akupunktur nach Meister Tong (Dong) aus. Auf einen Punkt gebracht, ist die TCM in Taiwan traditioneller und spielt sich in Privatpraxen ab, während sie in China wissschenschaftlicher ist und ihre Präsenz in den Universitäten und Krankenhäusern findet. Am besten ist es natürlich, wenn man beide Seiten kennenlernt.

Sommer ’99, Gunter R. Neeb

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Letzter Update: 02 May 2003