Qin Bo-Wei: Diskussion über Bian Zheng Lun Zhi (Syndromdifferenzierung und Therapieselektion)

Aus: Vorträge über die klinische Anwendung der Chinesischen Medizin, 1963

In den fünfziger und sechziger Jahren wurden die verschiedenen und teils widersprüchlichen Theorien und Verfahren der chinesischen Medizin von den damaligen Experten, darunter Qin Bo-Wei, zum weitgehend logischen und einheitlichen System der TCM vereint, die somit ein Studium der Theorien erst ermöglichte und die langwierige Ausbildung als Lehrling beim Meister, die auf intuitive Erkenntnis der Zusammenhänge beruhte, als Ausbildungsform ablöste. Eine der fundamentalen Kernstücke der TCM ist die Therapiefindung durch Syndromdifferenzierung oder Bian Zheng Lun Zhi (gesprochen etwa "biän dschöng lun dsch"), die Qin Bo-Wei in seinem Vortrag hier näher erläutert.

Worterklärung: „Knochendampfendes" Fieber oder Knochendampf-Syndrom: gu zheng chao re

Yin-Leere bedingtes Fieber mit Nachmittagsgipfel, bei dem sowohl subjektives Hitzegefühl, wie auch objektiv fühlbare heiße Glieder vorkommen, die sich anfühlen, als würden sie von innen her erhitzt. Gleichzeitig bestehen andere typische Yin-Leere Symptome wie Nachtschweiß, heiße Handflächen und Fußsohlen, blasses Gesicht mit geröteten Wangen etc.

Beginnen wir mit dem Wort "Zheng" (Syndrom, Muster): Es wird eigentlich als Vollzeichen "Zheng" (Beweis, Indikator) geschrieben. Eigentlich sind beide verschiedene Ideen, doch sind wir gewohnt, durch die Schreibvereinfachung "Zheng" (Kurzzeichen) statt "Zheng" (Vollzeichen) zu schreiben. (…)

Bian Zheng ist daher die Erkennung der Erkrankung, während Lun Zhi das Finden der Methode zur Behandlung ist. Sie sind die praktische Anwendung der Theorie der TCM uns somit eine Grundlage auf dem Weg zur Behandlung der Krankheiten.

Sie besteht aus Theorie und Therapieprinzip die wiederum mit Arzneimittelauswahl und Rezepturfindung in Zusammenhang stehen. Diese vier Bestandteile sind so eng verbunden, daß darunter kein Bestandteil fehlen darf. Fehlt auch nur einer, so ist das Ergebnis falsch. Bian Zheng Lun Zhi geht aus der ganzheitlichen Betrachtung und Analyse der vier Diagnosearten (si zhen) und acht Leitkriterien (ba gang) hervor, d.h. die Herkunft und Entwicklung der Krankheit wird als Grundlage genommen, die zur Findung der passenden Therapie wie Rezepturzusammensetzung oder Akupunktkombination dient. Wenn die Krankheitssituation nicht exakt differenziert, sondern nur einzelne Aspekte der Situation betrachtet werden, so kann die Qualität der Krankheit nicht genau erkannt und somit kann auch die Therapie und Arzneimittelauswahl der Rezeptur nicht korrekt verwendet werden.

Um die klinische Anwendung der Methodik von Bian Zheng Lun Zhi genau zu begreifen, versuche ich einmal sie unten als Diagramm darzustellen, das anschließend erläutert wird:

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Anhand Hilfe dieses Diagramms können wir sehen, jede Krankheit hat ein Hauptsyndrom, welches wir nach der Diagnose und allgemeinem Verständnis der Krankheitssituation feststellen können. Dieses Hauptsyndrom muß als erstes bestimmt werden. Wenn wir nach weiteren Beschwerden des Patienten fragen, sollten wir schon eine Vorstellung haben, die bestimmt, wie wir danach fragen. Wir sollten uns darüber im klaren sein, warum wir so fragen und nicht anders. Anschließend fahren wir damit fort, das gesamte erhaltene Material gesamtheitlich zu analysieren, um einen ersten Gesamteindruck zu erhalten.

Dieser ist natürlich noch nicht endgültig, er mag sogar noch verneint werden. Dieser erste Gesamteindruck entsteht, nachdem wir Haupt- und Nebensyndrome gleichermaßen aus der Beschreibung von Seiten des Patienten, sowie unserer eigenen Analyse der Eindrücke, einschließlich Zunge und Puls durchdacht haben.

Danach betrachten wir die beiden Bereiche (Haupt- und Nebensyndrome) wieder als Ganzes, da sie als Ergebnis der Diagnose den Zustand der Krankheit beschreiben. Vielleicht passen die ganzen Syndrome zusammen, vielleicht auch nicht, es ergibt sich aber gewiß die klare Unterscheidung zwischen dem Hauptsyndrom und weniger vordergründigen Nebensyndromen. Diese Kategorisierung stellt den ersten Schritt dar.

Die aus der Diagnose hervorgehende Therapie mit Nadel oder Rezeptur, ist zur Gänze auf einem Prinzip aufgebaut, das erst den Aufbau einer Therapiemethode oder Rezeptur ermöglicht. Dabei muß auch die Schwere der Erkrankung, Kontraindikationen, vorausgegangene Therapie und die Konstitution des Patienten u.a. berücksichtigt werden. Diese Abschnitt der Findung des Krankheits- und Therapieprinzips stellt den zweiten Schritt dar.

Aus dem Therapieprinzip ergibt sich die Auswahl der Rezeptur, oder Zusammenstellung der Arzneimittel nach Kaiser-, Minister-, Assistent- und Botenarznei geordnet, was schließlich den dritten Schritt der Therapieanwendung darstellt.

An dieser Stelle ist das Bian Zhen Lun Zhi d.h. der gesamte Abschnitt von der Diagnose zur Therapie

bereits beendet. Die obigen drei Schritte, die Kategorisierung, die Diskussion des Prinzips und die Kombination der Therapiebestandteile sind seine Inhalte und die Grundlage von Theorie, Methodik und Praxis der TCM.

Wir sollten jedoch noch auf einige Probleme zu sprechen kommen:

  1. Durch die klare Kategorisierung des Hauptsyndroms kann man einen ersten Eindruck gewinnen, jedoch ist dieses meist unveränderlich, so daß man unbedingt auch einen Schritt weiter gehen und die Begleitsyndrome einschließlich Puls und Zungendiagnose mit einbeziehen muß. Danach muß man feststellen ob diese mit dem Hauptsyndrom verbunden sind oder nicht. Deuten sie in die gleiche Richtung so wird die Annahme des Hauptsyndroms bestätigt, andernfalls muß dies nochmals überprüft werden.
  2. Beispielsweise deutet ein plötzliches Fieber meist auf ein äußeres Pathogen hin, d.h. es kommen meist auch Symptome wie Kälteabneigung vor. Wenn der Patient antwortet, daß er nun leicht friert, so wird der erste Eindruck von einer möglichen Erkältung mit Wind-Kälte-Syndrom bestätigt. Wenn als Begleitsymptome leichte Halsschmerzen, verstopfte Nase, Husten usw. Auftreten, so kann man als Krankheitsprinzip eine Wind-Kälte Erkältung mit Affektion der Lunge zugrunde legen. Wenn nun aber plötzliches Fieber mit Kälteabneigung auftritt, begleitet von Erbrechen, Durchfall und ähnlichen Symptomen, so muß an Kälte Syndrom des Magens oder eine Nahrungsmittelvergiftung u.ä. gedacht werden.

    Wie wird nun eine Invasion von Magen und Darm durch Kälte diagnostiziert ? Bei der Observation der begleitenden Symptome, sollte das Erbrechen von klaren Flüssigkeiten und ein Durchfall mit unverdauten Nahrungsresten vorhanden sein, der Magen und Bauchraum wird schmerzen, im Darm werden Borborygmen zu hören sein, der Zungenbelag wird weiß und dünn sein, der Kranke wird kein Durstgefühl verspüren und so weiter.

    Wie hingegen wird eine Schädigung durch falsches Essen (Nahrungsmittelvergiftung) festgestellt ? Hier besteht fauliges oder saures Erbrechen und dünner übelriechender Durchfall, Besserung nach Erbrechen und Durchfall, quarkartiger, weißer Zungenbelag usw.

    Die Syndromdifferenzierung beginnt also grob und wird immer feiner differenziert, wobei alle Aspekte in Betracht gezogen werden sollten.

  3. Nach der Bian Zhen Lun Zhi Methode sollte zuerst das Hauptsyndrom festgestellt werden, welches den Grundstein für das Therapieprinzip legt. Dann sollten die Nebensyndrome gefunden und analysiert werden. Die Behandlung dieser Nebensyndrome sollte jedoch auf der Therapie des Hauptsyndroms fußen oder im Einklang stehen, da ansonsten ein Durcheinander der Therapieprinzipien oder gar ein Gegeneinanderarbeiten der Rezepturbestandteile entsteht.
  4. Die Syndromdifferenzierung sollte flexibel der Veränderung des Krankheitszustandes angepaßt werden, anstatt an einem unveränderlichen Prinzip festzuhalten, nachdem einmal eine Krankheit auf ihre Syndrome differenziert wurde. Bei manchen akuten Zuständen kann das Ergebnis der Syndromdifferenzierung heute völlig verschieden von der gestrigen ausfallen, z.B. kann bei einem Hitzesyndrom, das sich gestern noch durch Kälteaversion ohne Schweiß zeigte, heute keine Kälteabneigung, aber Schweißbildung bestehen und sogar Abneigung gegen Hitze auftreten. Das eine ist ein Biao (Externes) Hitze Syndrom, das andere ein Li (Internes) Hitze Syndrom. Natürlich tritt bei manchen hartnäckigen chronischen Krankheiten oft keine große Veränderung der Syndrome ein, so daß eine tägliche Syndromdifferenzierung und Therapiediskussion nicht notwendig ist. Dennoch ist eine Krankheit immer in Veränderung begriffen, auch wenn nach einer gewissen Behandlungsdauer eine Besserung oder keine ganz deutliche Wirkung auftritt, dann muß erneut diagnostiziert werden. Man darf dann nicht bei der Maxime "Wenn die Rezeptur wirkt, braucht sich nicht weiter verändert zu werden" bleiben, nur weil ein gewisser Effekt oder eine Stabilisierung aufgetreten ist.
  5. Wie erfaßt man am besten das Hauptsyndrom ? Normalerweise durch den Gesamtzustand des Körpers, oder ein besonders schweres Symptom, oder eines, das dem Patienten besonders große Probleme bereitet, wie z.B. Fieber, Exantheme, Geistestrübung oder Koma, große Blutverluste, Ödeme, Enteritis, abdominaler Schmerz, usw. können alle zum Hauptsyndrom hin leiten. Doch ist auch das Hauptsyndrom Veränderungen unterworfen, so daß nach dem aktuellen Krankheitsbild entschieden werden muß. Nehmen wir beispielsweise eine Erkältung (Invasion exogener Pathogene) mit Hitze (Fieber) und Husten. Hier ist zunächst das Fieber das Hauptsyndrom, doch wenn es zurückgeht, aber der Husten noch weiterbesteht, dann wird dieser zum Hauptsyndrom.

Selbst wenn man nun versehentlich das Nebensyndrom für das Hauptsyndrom hält, so kommt man am Ende doch zum gleichen Schluß, solange die Bian Zhen Lun Zhi (Syndromdifferenzierung und Therapiediskussion) folgerichtig durchgeführt wird: Postuliert man bei obiger Erkältung mit Hitze und Husten zunächst Husten als Hauptsyndrom, stellt aber mit dem Husten verbundene Symptome wie ein dünnes, weißes Sputum, leichte Halsschmerzen fest, und dann im Zusammenhang mit dem Nebensyndrom Symptome wie Hitze- oder Kälteabneigung, Kopfschmerz, verstopfte Nase, ein oberflächlicher, schlüpfriger, beschleunigter Puls, ein dünner, weißer Zungenbelag usw. so kommt man natürlich am Ende der Diagnose auf die Invasion exogener Pathogene (Wai Gan, Erkältung) und man wird gleichfalls Oberfläche befreiende Arzneimittel anwenden und dabei die Gewichtung ebenfalls auf die Behandlung des Hitzesyndroms als Hauptsyndrom legen.

Das ist natürlich nicht genau dasselbe, wie wenn man das Hauptsyndrom von Anfang an richtig erfaßt, sondern es ist eher die Möglichkeit, von einer anderen Perspektive ausgehend, die Gewichtung hinsichtlich des Hauptsyndroms zu ändern. Dies geht auch, solange man alle Faktoren bei der Syndromdifferenzierung miteinbezieht, und nicht ein einzelnes hervorhebt, dann erst wird das gleiche Ergebnis herauskommen.

Solange man nur am Krankenbett die Syndrome zu differenzieren vermag, braucht man sich nicht vor eine großen Anzahl der Syndrome oder ihrer Komplexität zu fürchten, denn diese Methode kann in jedem Falle angewendet werden. Nur wenn nicht mal das kleinste Beschwerdebild besteht, dann steht Bian Zheng Lun Zhi nicht zur Debatte. Doch wenn kein Beschwerdebild vorhanden ist, kann man dann nicht direkt über die vier Diagnoseverfahren zum Ergebnis kommen ? Natürlich geht das; im Altertum wurde schon aufgrund des Pulsbildes auf faust und infaust unterschieden, und es wurde sogar von einer "Ignoriere das Syndrom, folge dem Puls"-Methode gesprochen. Dennoch ist die "Ignoriere das Syndrom, folge dem Puls"-Methode nicht das Gleiche wie kein Syndrom weil keine Symptomatik, sondern die Entscheidung, bei Widersprüchlichkeit zwischen Puls und Syndrom das Syndrom zu ignorieren, ebenso wie es auch umgekehrt auch die "Ignoriere den Puls, folge dem Syndrom "-Methode gegeben hat. Dies macht eigentlich klar, daß die vier Diagnoseverfahren in der TCM eine Methode sind, deren Bestandteile integriert werden müssen, und zwar besonders auch mit dem Krankheitsbild. Stellt man oberflächlich nur einen Aspekt des Ganzen in den Vordergrund, so ist das unsachgemäß. Genau aus diesem Grund muß eine Differenzierung der Syndrome stattfinden, aus der eine genauere Diagnose hervorgeht. Dazu kommt auch noch die Einbeziehung der Krankheitssituation, ihrer Entwicklung und Prognose. Sogar wenn man schon eine Rezeptur zur Hand hat, sollte man sich nochmals Haupt- und Nebensyndrome durch den Kopf gehen lassen, dann wird einem erst klar, ob man die Arzneimittel auch präzise und sachgemäß eingesetzt hat.

Um dies zu verdeutlichen, zeige ich dieses Prinzip untenstehend an zwei vergleichenden Fallstudien auf, die sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede aufweisen.

Beispiel Eins: Patientin Li, 50 Jahre alt, Nierenentzündung; Beispiel Zwei: Patientin Tian, 65 Jahre alt, Lungenentzündung. Beide sind weiblichen Geschlechts, bei sind etwas älter, und beide haben ein Hitzesyndrom als Hauptsyndrom, welches zur gleichen Zeit begann, täglich am Nachmittag am deutlichsten erscheint und dessen Temperatur sich bei beiden zwischen 38 und 39 Grad Celsius.

Die Diagnose des ersten Falles mit Nierenentzündung ergab keine deutliche Ödembildung, nur im Gesicht ist eine leerebedingte Schwellung zu erkennen. Vor dem Auftreten des Hitzegefühls ist eine Art Kälte zu beobachten, nach der Schweißbildung geht die Hitze etwas, aber nicht stark zurück, gleichzeitig treten Übelkeit, bis hin zum Erbrechen auf. Es besteht kein Durstgefühl, der Urin ist rötlich-gelb.

Im zweiten Fall, der Patientin mit Lungenentzündung war die Entzündung bereits in Besserung begriffen, es bestand aber noch leichter Husten mit zähem Sputum. Vor der Hitzeempfindung tritt keine Kälteabneigung auf, bei Auftreten des Hitzegefühls besteht Durstgefühl und die Patientin trinkt dann auch. Es tritt dann auch starke Schweißbildung auf, worauf die Hitze nachläßt. Gleichzeitig tritt ein sehr starker Schmerz in der Hüfte auf. Was Puls und Zunge angeht, so ist bei Fall Eins der Puls schlüpfrig und beschleunigt, die Zungenfarbe spielt ins tiefrote, der Belag ist quarkartig und weiß. Im Fall zwei ist der Puls fein, beschleunigt, und etwas saitenförmig. Der Zungenbelag ist in der vorderen Hälfte völlig abgeblättert und ansonsten dünn und gelb.

Nach dem Verständnis der Krankheitssituation wurden untenstehende Diagramme angefertigt, dann genauer analysiert und schließlich folgender Schluß gezogen:

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Im ersten Fall mit der Nierenentzündung entstand die Hitze aus dem Fortschreiten eines exogenen Pathogens ins Innere (Interior), so daß ein Hitze Nässe Phänomen entstand, nicht unähnlich einem Febrilen Nässe Syndrom (Shi Wen), daß sich im mittleren Erwärmer anstaut und nicht nach unten ausgeschwemmt werden kann.

Im zweiten Falle der Patientin mit Lungenentzündung, ist das Hitzesyndrom möglicherweise auch durch exogene Pathogene entstanden, doch es waren bereits keine äußeren (Exterior) Symptome mehr feststellbar; zusätzlich war schon eine Schädigung der Körpersäfte (Jin-Ye) festzustellen, die zu einem Yin-Leere Syndrom mit innerer Hitze führte, ähnlich einem Qi und Yin-Schaden Syndrom, wie es im Spätstadium einer Lungen-Lao-Syndroms (Erschöpfung der Lunge) zu finden ist. Auf einen Nenner gebracht besteht bei der Patientin mit Nierenentzündung ein Fülle-Syndrom, während die Lungenentzündung der anderen Patientin ein Leere-Syndrom ist; die Therapieanwendung ist also grundverschieden!

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Es muß hier allerdings betont werden, daß Nierenentzündung und Lungenentzündung aus Krankheitsnamen aus der westlichen Schulmedizin sind. Wenn man die Methode der chinesischen Medizin Bian Zheng Lun Zhi benutzt, muß natürlich auch nach den theoretischen Grundlagen der chinesischen Medizin vorgegangen werden. Es sollte also objektiv nach der gesamten Krankheitssituation beurteilt werden. Falls subjektiv nach den ersten erhältlichen Informationen vorgegangen wird, so kommt man nur mit Mühe zu einer Erklärung, weshalb die Nierenentzündung Hitze erzeugt und nach Abklingen der Lungenentzündung noch erhöhte Temperatur besteht, die nicht zurückgeht. Zugleich soll durch die Anwendung dieser Bian Zheng Lun Zhi Diagramme klargemacht werden,, wie man vom Hauptsyndrom und Nebensyndrome verbindet und wie man vom ersten Eindruck aus diagnostisch weiter verfährt, wie von Krankheitsursache und -mechanismus ausgehend auf die Krankheits- und schließlich Therapieprinzipien geschlossen wird; und zu guter Letzt, wie man dann die passenden Arzneimittel und die entsprechende Rezeptur-Zusammenstellung erhält.

Wenn dieser Rahmen einmal besteht, so braucht man ein kompliziertes Krankheitsbild nicht mehr zu fürchten, da man dieses Werkzeug zur Analyse und Auswertung zur Verfügung hat. (..) Nur durch ganzheitliches räsonieren, kommt man erst zu einer genau entsprechenden Rezeptur, außerdem kann man erkennen ob die Rezepturen anderer Ärzte korrekt sind oder nicht.

Nehmen wir hier einmal ein Beispiel einer Wind-Erkrankung eines kleinen dreijährigen Jungen, er hat erhöhte Temperatur (etwa 38.5 Grad Celsius), schwitzt nicht, hustet bereits seit vier Tagen und Nächten, hört sich auch nicht gut an, hat schlüpfrigen, beschleunigten Puls und einen dünnen quarkartigen Zungenbelag. Appetit, Urin und Stuhlgang sind normal. Dies ist ein häufiges Krankheitsbild, das unschwer als Wind-Kälte Invasion des oberen Erwärmers zu diagnostizieren ist: Das Lungen-Qi kann sich nicht ausbreiten, aber die Hitze wird sich nicht nach Innen kehren und Magen-Darm Speisestagnationen u.ä. Nebensymptome sind nicht vorhanden. Daher nimmt man ganz einfach San Ao Tang (Drei Durchbrüche Dekokt) mit Chan Tui, Niu Bang Zi, Jie Geng, Ju Hong, Pang Da Hai - eine Verabreichung sollte schon leichten Schweiß erzeugen und die Hitze dann langsam zurückgehen und der Husten sich mildern.

Doch statt dessen wurden drei Verabreichungen einer Rezeptur gegeben, die Sang Ye, Ju Hua, Jing Jie, Fang Feng, Yin Hua, Lian Qiao, Jie Geng, Gan Cao, Xing Ren, Chuan Bei, Ban Xia, Chen Pi, Zi Su, Da Qing Ye, Hu Gen und andere Arzneimittel enthielt; zusammen mehr als fünfzig Bestandteile! Dies macht die Lage unnötig kompliziert. Um dieses Problem zu verstehen, kann man nun die oben beschriebene Methode zur Analyse benutzen.

Im Diagramm läßt sich erkennen, daß die Diagnose mittels Syndromdifferenzierung korrekt differenziert wurde, und so die Therapiediskussion zur Selektion der Arzneimittel und Erstellung einer Rezeptur führte, wobei Methodik und Therapieprinzip absolut kongruent sind (Allerdings stimmt die Arzneimittelwahl damit nicht überein).

Dies zeigt ebenfalls, wie wichtig die Syndromdifferenzierung und auch die Therapiediskussion ist. Die Syndrome müssen differenziert und die Therapiemethode durchdacht werden; anschließend müssen die Arzneimittel und die Rezeptur vorsichtig und exakt eingestellt und ausgewogen werden. Yu Jia-yan (Qing-Dynastie) betonte immer "Diskutiere erst die Erkrankung, dann die Behandlung", wobei die Diskussion der Erkrankung die Syndromdifferenzierung ist (Bian Zhang Lun Zhi), und die Behandlung (wörtl.: Arznei) die Therapiediskussion beinhaltet. Es müssen also sowohl die Krankheit als auch die Arznei durchdacht werden, was wir mit "Differenzierung" und Diskussion" beschreiben, und diese Reihenfolge darf nicht verändert werden.

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TEIL II: Arten des Hitzesyndroms

Nachdem wir nun gesehen haben ,was die Bian Zhen Lun Zhi Methode beinhaltet, müssen wir noch einen Schritt weiter gehen und verstehen, warum wir immer differenzieren und weshalb wir immer diskutieren müssen. Wenn wir diese Grundlagen nicht erklären, dann können wir auch die nötige Tiefe und Feinheit im Verständnis (der Methode) erlangen. Gehen wir also zunächst auf die Syndromdifferenzierung ein:

Diese beruht in erster Linie auf die akute Krankheitssituation, welche wiederum die pathologischen Veränderungen im Körper widerspiegelt. Doch gibt es gleiche Krankheitsbilder, die durch unterschiedliche pathologische Veränderungen entstanden sind. Nehmen wir z.B. das oft anzutreffende Syndrom "Fieber", es kann bei Infektionen von Außen entstehen, jedoch können auch innere Verletzungen zu Fieber führen.

Unter den äußeren Infektionen gibt es in der TCM solche die zur Kälteläsionen (Shang Han) gehören, sowie warme febrile Infektionen (Wen Bing), usw., unter inneren Verletzungen gibt es Schäden der Lunge mit Fieber, oder der Leber usw. Darum muß eine genaue Differenzierung des Syndroms durchgeführt werden, um die Unterschiede zu erkennen. Doch wie führt man diese Differenzierung durch ? Dazu gibt es ein ganz bestimmte Reihenfolge: Zunächst differenziert man nur die reine Fieberentstehung, wie z.B. Abneigung gegen Kälte oder nicht, ist Schweißbildung vorhanden, und wenn ja, geht das Fieber nach dem Schwitzen zurück oder nicht ? Geht es völlig zurück ? Besteht die Hitze kontinuierlich während des ganzen Tages, ohne Unterschiede zwischen Vor- und Nachmittag, oder steigt das Fieber am Nachmittag ? Oder aber entsteht ein mehrfacher regelloser Temperaturanstieg über den ganzen Tag verteilt ? Ist das Fieber sehr hoch oder nicht, besteht evtl. eine beständiges niedriges Fieberkontinua, das sich nicht deutlich zeigt, usw. usw.

Syndromdifferenzierung

All diese unterschiedlichen Krankheitsbilder beinhalten Infektionen, innere Verletzungen und andere Krankheitsursachen, die zunächst unterschieden werden müssen um einen ersten Eindruck zu erhalten.

Der nächste Schritt besteht darin, dies mit den Nebensyndromen zu verbinden: Besteht gleichzeitig Kopfschmerz, Gliederschmerz, Hitzegefühl und Gereiztheit, heiße Handflächen, trockener Mund, das Vermögen bei Durst auch (entsprechen viel) trinken zu können, gerötete Wange, kalte Füße, verstopfte Nase, Husten, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall, Schweiß mit Schüttelfrost, Ohnmacht, Genick- und Rückensteife, Gliederkrämpfe, etc. was wiederum mit dem Pulsbild, der Zungenbild, der Antlitzdiagnose und Daten wie Krankheitsdauer usw. in Verbindung gebracht wird. Nach Einbeziehung mehrfacher Diagnosemethoden kann das Krankheitsverständnis vertieft werden, was dann auch zum korrekten Urteil und der richtigen Therapiemethode führt.

Es muß ganz klar sein, das sogar die wenigen oben genannten hitzebezogenen Krankheitsbilder eine Unmenge verschiedener Syndrome widerspiegeln können:

1. Fieber, Kälteabneigung, Kopfschmerz, Schmerzen am ganzen Körper, keine Schweißbildung, Puls oberflächlich, gespannt und beschleunigt -- Shang Han Anfangsstadium des Tai Yang Syndroms.

2. Fieber, nach Schweißbildung kein Frieren sondern Abneigung gegen Hitze, Durst mit Vorliebe für kalte Getränke, Zungenbelag quarkartig, gelb, Puls groß, schlüpfrig und schnell -- Shang Han Yang Ming Syndrom.

3. Fieber und Kälteabneigung, ständig abwechselnd, Würgereiz und Übelkeit, bitterer Mundgeschmack, Puls saitenförmig, und beschleunigt -- Shang Han Shao Yang Syndrom.

4. Fieber, tagsüber besonders hoch, dampfartiger, feiner Schweiß, abdominale Schwellung, Verstopfung, Zungenbelang gelb, quarkartig und vertrocknet -- Shang Han Magen-Fülle Syndrom.

5. Fieber, Kälteabneigung, Kopfschmerz, Schweißbildung, trockener Mund, Husten, Puls oberflächlich und beschleunigt -- Warm-febrile Wind Affektion.

6. Fieber, trockener Mund, Hitzegefühl und Reizbarkeit, Bewußtseinstrübung oder Ohnmacht, Zungenspitze tiefrot, -- Warm-febrile Hitze-Affektion des Perikardiums.

7. Fieber, Mund ausgetrocknet, geistig verwirrt und lautes, wirres Reden, Konvulsionen der Glieder, Puls fein und beschleunigt -- Warm-febrile Affektion mit Ohnmacht.

8. Fieber, Kälteabneigung, Kopfschmerz, steifer Nacken und Rücken, Opisthotonus, Puls gespannt und saitenförmig -- Jing Bing (Krampfkrankheit).

9. Fieber, kalte Füße, Mundtrockenheit jedoch mit der Abneigung zu trinken, Brustenge, Übelkeit und Würgereich, wenig, aber dunkler Urin, dunkle Gesichtsfarbe, Zungenbelag gelb und quarkartig -- Warm febrile Nässe Affektion.

10. Fieber, Kälteabneigung, Kopfschmerz, verstopfte Nase, Husten, Zungenbelag dünn und weiß, Erkältung durch Wind-Affektion.

11. Fieber, Schwellung und Schmerz des Unterbauches, Übelkeit und Erbrechen von säuerlich, oder faulig riechendem, Durchfall, Zungenbelag dick quarkartig -- Ernährungsschaden-Syndrom (Lebensmittelvergiftung).

12. Fieber, vorwiegend am Nachmittag, Kurzatmigkeit, trockenes Husten, zäher, Schleim z.T. mit Blutbeimischung, Schweißbildung, Puls leer, fein und beschleunigt -- Leere-Syndrom des Qi und Yin der Lunge.

13. Fieber, vorwiegend am Nachmittag, Temperatur nicht hoch, heiße Hände und Füße, Nachtschweiß, gerötete Wangen, Puls leer und fein -- Leere-Syndrom des Yin der Lunge und Leber.

14. Fieber, starke Schweißausbrüche, bei Temperatursenkung besteht Schüttelfrost, die Glieder sind verkrampft, der Puls ist oberflächlich und kraftlos -- Zusammenbruch des Yang - Syndrom.

Unter den oben aufgeführten Syndromen, gehören einige grundsätzlich zu den Exterior-Syndromen, oder den Kälte-Syndromen, aber sobald auch nur ein, zwei andere Symptome hinzukommen, müssen sie den Interior, oder den Hitze-Syndromen zugerechnet werden. Daraus können wir ersehen, daß die Syndrom-differenzierung mit größter Genauigkeit durchgeführt werden muß.

Therapiediskussion

Wenn die Syndromdifferenzierung stimmt, folgt danach die Therapiediskussion (Lun Zhi), die auch komplex aber genau durchgeführt werden muß. Sie kann auch in zwei Schritte unterteilt werden: Zunächst die Bestimmung des Haupttherapieprinzips, z.B. bei Exterior-Syndrom der Einsatz der Diaphorese, oder der Kühlung bei Hitze-Syndrom. Anschließend wird dies weiter differenziert: Wenn das Exterior-Syndrom ein Wind-Kälte-Syndrom ist, so benutzt man scharfe, wärmende Arzneimittel, gehört es zur Wind-Hitze Kategorie, so werden scharfe kühlende Mittel eingesetzt; bei Hitze-Syndrom des Magens, wenn keine Fülle besteht, so wird eine Magen erfrischende Therapie angewendet, besteht dagegen ein gleichzeitiges Fülle-Syndrom, so wird purgiert.

Wenn wir nun also diese Methode der Therapiediskussion auf die obigen Hitze-Syndrome anwenden, so ergibt sich folgendes:

  1. Methode der Diaphorese mit scharfen, warmen Mitteln bei Tai Yang Syndrom
  2. Methode der Kühlung des Magens mit scharfen, kühlen Mitteln bei Yang Ming Syndrom
  3. Methode der Harmonisierung der beiden Doppelmeridianbereiche bei Shao Yang Syndrom
  4. Methode der Purgation und Kühlung der Hitze bei Magen-Hitze Syndrom
  5. Methode der Öffnung des Exterior durch scharfe, kühlende Mittel bei Warm-febriler Wind Affektion.
  6. Methode der Öffnung des Exterior und Kühlung des Palastes (d.h. der Orifizien) bei Hitze im Perikardium.
  7. Methode der Kühlung des Blutes und Beruhigung des Windes bei Jing-Jue Ohnmacht
  8. Methode der Produktion der Säfte und Entkrampfung der Muskeln bei Jing Bing (Krampfkrankheit).
  9. Methode der Kühlung der Hitze und Umwandlung des Schleims bei Febriler Nässe-Infektion.
  10. Methode der Befreiung der Lunge und Vertreibung des Windes bei Affektion durch Wind.
  11. Methode der Auflösung, Ausleitung und Harmonisierung bei Schäden durch Ernährung
  12. Erfrischung und Nährung des Lungen-Yin bei Qi und Yin-Leere der Lunge
  13. Methode der Nährung des Yin und Reduzierung des Knochendampfsyndroms (bei Yin-Leere von Niere und Leber)
  14. Methode der Yang- Rekonvaleszenz und Konsolidierung des Exterior (Äußeren) bei Zusammenbruch des Yang.

Wenn also ein klares Konzept des Therapieprinzips besteht, dann ist die Wahl der Arzneimittel und die Zusammenstellung der Rezeptur schon deutlich einjustiert. Natürlich kann gibt es milde und schwere Rezepturen, d.h. die akute Krankheitssituation, das Alter und die Konstitution des Patienten usw. müssen also bei der Zusammenstellung noch berücksichtigt werden, so daß auch hier bei gleichem Syndrom oder Krankheit, individuell nach Patient eine unterschiedliche Rezeptur verwendet wird.

Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, daß i.d.F. das Therapieprinzip dennoch das gleiche ist. Die chinesische Medizin besitzt so viele Arzneimittel und Rezepturen, es ist daher schwer sich bei einer Krankheit auf bestimmte Arzneien oder Rezepturen zu beschränken.

Arzneimittelwahl

Die Anwendung der Arzneimittel in der Rezeptur stützt sich auf Methoden wie die sieben Rezepturformen (qi fang), die zehn Rezepttypen (shi ji) und die Einteilung in Kaiser, Minister, Assistent und Gesandter (Jun., Chen, Zu, Shi) usw. wobei diese genau auf Ursache, Ort und Bild der Krankheit abgestimmt werden müssen. Krankheitsursache und Krankheitsbild sind die Grundlagen der Krankheit, hingegen ist das Krankheitsbild der äußere Ausdruck derselben. Wenn die Grundlagen der Krankheit beseitigt sind, verschwindet deren Ausdruck von selbst. Daher muß in der Diagnose der gesamte Krankheitsausdruck (Krankheitsbild) und in der Rezeptur-Zusammenstellung das gesamte Krankheitsprinzip berücksichtigt werden, anstatt eine Rezeptur Stück für Stück auf einzelne symptomorientierte Arzneien aufzubauen.

Es heißt schon im Huang Di Nei Jing "Wer die Krankheit behandeln will, muß die Wurzel herausfinden", muß man auch das Wohlbefinden des Patienten und seinen psychischen Zustand berücksichtigen. (..) D.h. bei großem Blutverlust oder schwerem Schmerz muß manchmal zunächst mit hämostiptischen oder analgetischen Arzneimitteln vorgegangen werden (obwohl dies eine Behandlung der Zweige, nicht der Wurzel darstellt). Von solche Ausnahmen abgesehen, wird jedoch immer die Ursache und der Ort der Krankheit zugrunde gelegt, die sich im Krankheitsbild widerspiegeln.

Nehmen wir z.B. eine Erkältung, hierbei ist der pathogene Wind die Ursache und die Lunge der Ort der Krankheit, so daß als Therapieprinzip die Befreiung der Lunge und Vertreibung des Windes verwendet werden. Als Ausdruck der Krankheit können z.B. Abneigung gegen Wind, Fieber, keine Schweißbildung, Kopfschmerz, Gliederschmerz, rauher Hals, belegte Stimme, Husten, viel oder wenig Schleim, Husten mit oder ohne erleichternden Auswurf, verstopfte Nase, Schnupfen, trockener Mund oder nicht, dicker oder dünner Zungenbelag usw. Im Rahmen der Behandlung des Hauptsyndroms mit dem Prinzip "Befreiung der Lunge und Vertreibung des Windes" können nun die einzelnen Nebensyndrome mitbehandelt werden. Zur "Befreiung der Lunge und Vertreibung des Windes" werden oft Jing Jie, Fang Feng, Bo He, Ma Huang , Zi Su, Dou Chi, Sang Ye usw. eingesetzt, die teils von warmer, teils von kühler Natur sind und demnach entsprechend der Krankheitsursache (Wind-Hitze oder Wind-Kälte) eingesetzt werden. (..)

Nur bei hohem Fieber nach Innen (Interior) eintretende Hitze muß weiter überlegt werden, so daß Zhi Zi, Lian Qiao, Yin Hua, Huang Qin, Qing Hao zur Kühlung der Hitze zur Anwendung kommen. Andere wirkungsvolle Arzneimittel bei dem beschriebenen Beispiel sind z.B.

bei gleichzeitigem Kopfschmerz Ju Hua, Man Jing Zi;

bei Gliederschmerz Qin Jiu, Qiang Huo, Sang Zhi, Si Gua Luo;

bei rauhem Hals und belegter Stimme Chan Tui, Pang Da Hai;

bei Husten mit Schleim Xing Ren, Chuan Bei Mu, Ban Xia, Chen Pi;

bei schlechtem Abhusten des Schleims Niu Ban Zi, Jie Geng;

bei Schnupfen, laufender oder verstopfter Nase Cang Er Zi, Xin Yi;

bei trockenem Mund Gua Lou Pi, Hu Gen, usw.

die aber keineswegs nun alle zur Anwendung kommen, sondern vor der Verschreibung passend zur Hauptverschreibung ergänzt werden, und zwar möglichst so, daß ein Arzneimittel zu mehreren Symptomen paßt, anstatt für jedes einzelne Symptom ein anderes Arzneimittel hinzuzufügen (wie im obigen Fall Drei mit fünfzig Arzneimitteln). Es muß immer die Leitlinie der Erkältungsbehandlung d.h. "Befreiung der Lunge und Vertreibung des Windes" beibehalten werden, zu welcher entsprechend dieses Rahmens passende Arzneimittel aus weiteren Kategorien hinzugefügt werden können, wie z.B. Hitze kühlende, hustenstillende, schleimumwandelnde, durststillende, oder bei Kopfschmerz oder Gliederschmerz wirksame Mittel. Dies ist nicht schwer zu verstehen.

Rezepturerstellung

Zur Behandlung der Erkältung eingesetzte Rezepturen wie Cong Zhi Tang, benutzt nur Cong Bai (Zwiebelschlotten) und Dou Chi (Soja fermentata); San Ao Tang1 lediglich Ma Huang (Ephedra), Xing Ren (Persica) und Gan Cao (Glycyrrhiza), Yin Qiao San und Xing Su San sind etwas komplizierter, Er Cheng Tang (Dekokt der Zwei Ausgereiften), und Cang Er Zi San usw. sind ursprünglich keine Erkältungsrezepturen, werden aber oft benutzt, all diese Rezepturen, egal ob einfach oder kompliziert folgen dem gleichen Prinzip.

Nur wenn jemand besonders empfindlich für Wind ist, oder oft und leicht erkältet, oder eine Erkältung nicht ganz weggeht, sich lange dahinzögert, dann muß die konstitutionelle Schwäche in den Mittelpunkt gestellt werden. Auch früher hat man schon bei Erkältungen Ginseng (z.B. in Shen Su Yin, Ginseng Perillia Dekokt), Huang Qi und Bai Zhu (z.B. in Yu Ping Feng San, Jade Windschirm Pulver) verwendet, doch gehört diese Methode nicht zum üblichen Prinzip der Behandlung von Erkältungen.

Bei der Zusammenstellung der Rezeptur muß klar zwischen Hauptsyndrom und Nebensyndromen unterschieden werden; der ursächliche Hauptgrund für die Erkrankung ist die Krankheitsursache. Diese bleibt während der Entwicklung einer Erkrankung nicht unbedingt unveränderlich, außerdem verändert sich durch andere Einflüsse auch oft der Ort der Erkrankung, so daß man nicht einfach immer von der gleichen Ursache ausgehen kann. Die sogenannte Ätiologie hat in der TCM eine enge Beziehung zur Pathogenese (Der Entwicklung der Krankheit): Zum einen wird von der Krankheitsursache die Entwicklung der Krankheit verfolgt, zum anderen aber wird wiederum aus der Pathogenese auf die Ursache der Krankheit geschlossen. Obwohl die Krankheitsursache betont werden soll, darf man bei der Arzneimittelwahl und Rezepturerstellung nicht stur auf dieser beharren, da dies sonst manchmal zu Irrtümern führt.

Nehmen wir dazu als Beispiel die Entstehung von Tan Yin (Schleim-Mukus, siehe dazu auch Zhang Jing-yue: Schleim-Mukus-Syndrom): Leichte Fälle beruhen auf eine Leere des Milz-Yang, schwere auf eine Leere des Nieren-Yang; auch gibt des den Ratschlag "Bei externem Mukus behandle die Milz, bei internem behandle die Niere." Doch ist Schleim-Mukus nun eine Krankheitsursache ? Oder ist es die Leere der Milz und Niere ? Wie soll man also demgemäß das Therapieprinzip entwickeln ? Wenn man die Beziehung zwischen Krankheitsursache und ihrer Entwicklung versteht, ist es unschwer zu erkennen, daß der Schleim-Mukus aus der Leere von Milz oder Niere entstand, also ein Produkt des Pathomechanismus ist. Natürlich ist er nicht der ursächliche Krankheitsgrund, doch nachdem der Schleim-Mukus einmal entstanden ist, kann er wiederum Noxe einer Erkrankung werden, und asthmatischen Husten hervorrufen, für welchen der Schleim-Mukus die Hauptkrankheitsursache darstellt. Es ist also klar, wenn lediglich Leere des Milz und Nieren-Yang vorhanden ist, kann daraus kein asthmatischer Husten mit Schleim als Krankheitsbild entstehen.

Doch dabei der Entwicklung des Therapieprinzips der Schleim-Mukus aus der Yang-Leere von Milz oder Niere entstanden ist, benutzt man hier im Gegensatz zu anderen Arten von asthmatischem Husten wärmende schleimumwandelnde Arzneien wie Gan Jiang, Wu Wei Zi, Xi Xin, Ban Xia, Fu Lin usw. Da man weiß, daß Schleim-Mukus oft durch Wind-Kälte ausgelöst wird, neben benutzt man - wenn Fieber mit Kältesyndromen zu erkennen sind - auch häufig Xiao Qing Long Tang (Kleines Grüner Drache Dekokt). Die Rezeptur des Xiao Qing Long Tang ist eigentlich nur die Ergänzung des Ma Huang Tang (Ephedra Dekokt) als Grundlage mit Jiang, Xia, Xin, Wei (Ingwer, Pinellia, Asarum und Schisandra). Wenn keine Wind-Kälte besteht, und der asthmatische Husten nicht sehr schwer ist, so wird im Allgemeinen Ling Gui Gan Zhu Tang (Poria, Cinnamom, Glycyrrhiza Atractylodis Dekokt) und Shen Qi Wan (Nieren-Qi Pille) als Ausgangsrezeptur verwendet.

Natürlich gibt es bei der Behandlung von Schleim-Mukus auch purgative Methoden, wie bei Xuan Yin und Zhi Yin (Hypochondrischer und Diaphragmatischer Schleim-Mukus) u.a. Da sich diese vier Syndrome alle aus Schleim-Mukus entwickeln, muß dieser natürlich im Vordergrund stehen, so daß immer bei einer unterschiedlichen Situation auch eine unterschiedliche Methodik gewählt wird, die aber auf der gleichen Grundlage beruht. Dies ist Zhang Zhong-Jings Prinzip bei der Behandlung von Schleim-Mukus, das auch bei der Bestimmung der Lokalisation und der Krankheitsursache gleichermaßen logisch vorgeht und bei der Wahl der Arznei und Zusammenstellung der Rezeptur einer Regelung folgt: Solange eine Tan Yin Erkrankung vorliegt, egal ob nun Wärmung und Umwandlung, Glätten und Umwandlung, Wärmung und Nähren, oder Purgation verwendet wird; oder wenn verschiedene Methoden verwandt oder Ziele angestrebt werden, immer halten sich Wahl der Arznei und Zusammenstellung der Rezeptur an die zugrundeliegenden Regeln. Die sogenannte flexible Handhabung beruht auf Grundprinzipien, die aufgrund der konkreten Situation zu einer konkreten Therapieanwendung führen, und nicht auf irgendwelchen subjektiven Ratereien.

Weiterführende Literatur: Das Grundlagen Textbuch "Zhong Yi Ru Men (Einführung in die TCM)" von Qi Bo-Wei wurde unter P.U. Unschuld zu dem Buch "Chinesisch lesen lernen. Eine Einführung in die Sprache und Thematik heutiger chinesischer Zhong-Yi Fachliteratur Bd.1&2" verarbeitet.

"Qin Bo-Wei Yi Wen Ji" (Sammlung medizinischer Aufsätze von Qin Bo-Wei) und verschiedene Fallbeispiele wurden von Charles Chase und Zhang Ting-Liang (teilweise etwas holprig) ins englische übersetzt und als "A Qi Bowei Anthology" bei Paradigm Publications veröffentlicht.

Der hier veröffentlichte Aufsatz aus dem Buch "Zhong Yi Lin Zheng Bei Yao (Unerläßliches Wissen für die klinische Praxis der TCM)" ist jedoch in beiden Werken nicht enthalten und meines Wissens auch zuvor noch nicht übersetzt worden. Weitere Übersetzungen sind meiner Ansicht nach jedoch zu ermutigen, da Qin im neuzeitlichen und leicht verständlichen Chinesisch schreibt und sich zu vielen wichtigen Themen geäußert hat. Im Buchhandel vergriffene Originaltexte stelle ich gerne zur Verfügung.

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Letzter Update: 02 May 2003