Verbot Chinesischer Arzneimittel in der EU ?

  TCM-Arzneien in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik

Chinesische Arzneimittel haben neben der Akupunktur seit mehr als 20 Jahren vielen Patienten Europas geholfen und tun dies auch heute noch. Da die TCM momentan einen enormen Aufschwung erfährt, wird auch immer wieder die Frage einer Kontrolle dieser importierten Arzneimittel laut. Während diese von den einen als harmlose Nahrungsmittel ohne viel Wirkung angesehen werden, verteufeln die anderen sie als hochwirksam und ergo rezeptpflichtig oder sogar als gefährlich und verlangen pharmakologische Wirkungsnachweise und Sicherheitsmaßnahmen. Nun sollen EU-Politiker diese komplizierte Situation für den Verbraucher beurteilen und entscheiden können. Doch sind sie dazu kompetent genug ? Wenn aufgrund einer inkompetenten Entscheidung das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird, dann droht die Gefahr eines „Aus“ für die TCM wie wir sie kennen. Die komplexen Details dieser Entscheidung versuchen wir hier in einem Streifzug durch wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Aspekte zu beleuchten.


TCM und Schulmedizin – zwei Welten

Wie sieht es also mit den Wirksamkeitsnachweisen im Sinne phamakologischer Forschung aus ? Dazu muß man zunächst die Hintergründe der beiden Medizinsysteme verstehen: Während die Biomedizin auf die Gesetze der klassichen Biologie (d.h. vor Prigogine), der organischen Chemie und der descarteschen Physik aufbaut, aber keine eigenen theoretischen Grundlagen enthält[1], baut die chinesische Medizin auf die Einordnung empirischer Grundlagen in ein philosophisches System auf.

Gesundheit bedeutet nach den theoretischen Grundlagen der TCM eine Harmonie aller körperlichen und geistigen Funktionen. Eine Krankheit entsteht, wenn diese nicht im Gleichgewicht sind. Nachdem alle aktuellen Informationen durch den chinesischen Arzt wie Puzzlesteine gesammelt wurden, ergibt sich daraus ein aktuelles Gesamtbild, das alle derzeit nicht im Gleichgewicht befindlichen Anteile des Individuums zu erfassen sucht.

Wenngleich der Mensch weit komplizierter ist als ein Auto, kann man die Aufgabe des TCM-Therapeuten mit der eines Fahrers vergleichen:

Nicht nur, das sich jedes Fahrzeug vom anderen etwas oder stark unterscheidet, der Fahrer muß aufgrund der äußeren sich verändernden Straßenlage mal Gas geben, mal bremsen, mal hoch- und mal herunterschalten, muß auf Amaturanzeigen im Inneren ebenso reagieren, wie auf  die niemals gleichen äußeren Bedingungen. Die Kontrolle des Fahrzeugs muß also ständig

den Gegebenheiten angepaßt werden und man kann nicht immer im gleichen Gang oder bei der gleichen Geschwindigkeit bleiben.

Beim weitaus komplizierteren menschlichen Netzwerk aus Körper und Geist, der durch Umwelt, Ernährung, Emotion und auch der Therapie selbst Veränderung erfährt, erfordert die individuelle Behandlung immer wieder eine kurze Überprüfung des aktuellen Zustandes und eine “Feineinstellung” der Therapie. Nur so kann durch Nachdiagnosen und die jeweils aktuelle Modifikation der Rezeptur die optimale Wirkung erreicht werden. In China nimmt der Arzt 1-2 mal wöchentlich eine solche Nachdiagnose vor.

Die große Stärke der 2500 Jahre alten Arzneimitteltherapie in der TCM liegt demnach in ihrer exakten Reaktion auf die individuelle und aktuelle Situation. Ihre präziseste Anwendungsform ist daher die jeweils einzigartige Rezepturmischung und deren Modifikation.

Als Kompromiss aus Gründen der Zeitknappheit und Bequemlichkeit gibt es in Asien seit einigen Jahrzehnten fertige Mischungen, die leichter Einzunehmen sind, und wegen konstanter Zusammensetzung das Erforschen ihrer Wirkung erleichtern.

Dennoch wird es niemals ernsthaft[2] möglich sein, auch nur eine Standardkombination aus 10-20 Arzneipflanzen, die je z.T. 800-1000 Wirkstoffe enthalten, einschließlich ihrer im Verarbeitungsprozess entstehenden Hybridwirkstoffe, zu untersuchen, denn selbst eine moderne Arzneimittelstudie mit einem medikamentösen Einzelwirkstoff versucht ja die Komplexität zu reduzieren, indem man Standardbedingungen der Versuchstiere schafft, das Labor auf kleinstmöglichste Störeinflüsse reduziert, und statistisch alle potentiell störenden Parameter auszuschließen versucht.

Hier genau prallen zwei Welten aufeinander: Obwohl der Mensch als Therapieobjekt in beiden Systemen der gleiche ist, und auch häufig Überschneidungen zwischen TCM und Schulmedizin existieren, im Nachweis der Wirkung, d.h. in der wissenschaftlichen Forschung, wie sie seit Sydenham und Bacon propagiert wurde, sprechen beide Systeme eine andere Sprache.

Während klassisch-lineare Forschung versucht, zu vereinfachen, und die Entscheidung nach der Wirkweise eines Stoffes aufgrund direkter physikalisch-biochemischer Einwirkung auf eine Zelle oder ein Gewebe zu analysieren versucht, ist der Kranke in der TCM eine komplexe „Black Box“, deren Gesamtreaktion als System auf die Krankheit und danach auf die Therapie beurteilt wird!

Die Wirkung eines isolierten Wirkstoffes aus einer Kräuterarzneimischung auf ein bestimmtes Organgewebe ist für einen chinesischen Arzt so irrelevant wie der Klang eines isolierten Tones in einer Symphonie.

Die Anwendung von klassisch-linearer Pharmaforschung auf Pflanzenkombinationen macht also nicht nur ökonomisch und historisch, sondern auch wissenschaftlich keinen Sinn. Komplexe Systeme wie Pflanzen und Menschen erfordern non-lineare Berechnungen, wie sie in der komplexen Mathematik, in der technischen Fuzzy-Logik oder im nicht-Euklid’schen Raum angewendet werden.

Diese Grenzen der Komplexität hat schon im 19. Jh. Maxwell bei der Berechnung von Gasen[3] kennengelernt und dennoch wird in der modernen Pharmaforschung davon ausgegangen, der künftige Patient nehme nur das eine, hier getestete Mittel und nicht  Arzneimittelcocktails wie oft üblich. Die Wechselwirkungen zwischen nur vier verschiedenen Medikamenten zu testen, wäre bereits aus ökomischen Gründen nicht mehr realisierbar.

Dennoch versucht man solche, eigentlich überholten Prämissen auf die Erforschung von Wirksamkeit oder Sicherheit chinesischer Arzneimittel zu übertragen, was aufgrund des o.g. anders angelegten komplexen Wirkansatzes aber noch weniger möglich ist, als mit Einzelwirkstoffen.

Doch erstaunlicherweise versuchte man dies bereits im Osten, und es gibt bereits seit 150 Jahren japanische Studien und seit 40 Jahren chinesische Studien, die nach dem Muster westlicher Arzneimittelforschung angelegt waren, jedoch im Westen nicht zur Sprache kommen, weil sie vier Problemen unterliegen:

1.    Sprache: Sie sind unbekannt, weil in einer nicht-westlichen Sprache und ihre Auswahl und Übersetzung wäre teuer.

2.    Glaubenskredit: Während z.B. amerikanische Studien, die von Tabaksfirmen in Auftrag gegeben werden zunächst einen Vertrauenskredit genießen, bis Auftraggeber oder Verfahrensfehler bekannt werden, wird eine in der VR China über chinesische Arzneien gemachte Studie mit ethnozentristischer Arroganz a priori in Frage gestellt, ohne daß weitere Einzelheiten neutral überprüft werden, wie es von Wissenschaftlern erwartet werden sollte.

3.    Während eine nach dem üblichen Muster angelegte Studie zumindest die gleiche Rezepturmischung enthalten muß, um vergleichbar zu sein, zielt ja optimale Wirkung der TCM gerade auf die aktuelle (Zeit), geomedizinisch angepaßte (Ort), individuelle Wirkung auf den einzelnen Menschen (Individuum)[4] und kann demnach nur unter modifizierten Gesichtspunkten klinisch erforscht werden. Steigen jedoch die Parameter – so muß um statistische Verzerrungen auszuschließen – auch die Anzahl der Probanden sehr hoch sein, was sich in China leicht, bei uns aber nur schwer verwirklichen läßt.

4.    Während es sich bei modernen Pharmakonzernen um  Industriegiganten handelt, die genug Gelder zur Forschung bereitstellen können, gibt es in Europa keine 20 Kleinfirmen, die Fertigarzneimittel oder Arzneipflanzen aus China oder Taiwan importieren, und daher kein Geld zur Forschung bereitstellen können.

Die Erforschung der genauen Wirkung chinesischer Arzneimittel im Westen scheint also von vornherein zum Scheitern verurteilt zu sein, doch nachdem die immer wieder gleichen Fälle von negativen Arzneimittelwirkungen chinesischer Arzneien neu zitiert in verschiedenen Gazetten erschienen, fragt sich ein verunsicherter Verbraucher natürlich, wie sicher diese Arzneien sind, und wie der Gesetzgeber die Sicherheit gewährleisten kann.

Dazu werfen wir zunächst einen Blick auf die Situation der Herkunfts- und Herstellerländer chinesischer Arzneimittel.

Chinesische Arznei in China und Taiwan

Während im Altertum die wildwachsenden Arzneien bei weitem die kultivierten überwogen, begann mit steigenden Bevölkerungszahlen auch der kommerzielle Anbau chinesischer Arzneien in China. Nachdem die chinesische Medizin in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts offiziell durch die Regierung sanktioniert worden war, begann danach der Anbau in großem Stil. In den späten siebziger und den achtziger Jahren, als China die ersten Schritte in eigene chemische Industrieproduktion mit Dünger und Pestiziden tat, waren auch chinesische Arzneikräuter, wie alle anderen Pflanzen den üblichen Industrietoxinen ausgesetzt.

Mit der Ära Deng Xiao-Ping begann jedoch eine stärkere Ausrichtung auf die Qualität der Nahrungs- und Arzneimittel. Verwendung von DDT wurde in China wie in anderen Ländern verboten, Pflanzen werden wie bei uns zwar mit Pestiziden gespritzt, jedoch nicht vor der Ernte[5], damit die Giftstoffe wieder abgebaut werden können, und seit den Neunzigern gibt es in China mittlerweile drei Versuchsgebiete, wo Arzneipflanzen ohne Chemie kultiviert werden. Der Verbraucher in China legt bereits Wert auf „Grüne“ Nahrungsmittel, und sogar die Werbung macht sich dies zu Nutze.

Pestizidbelastungen sind also meist nicht höher als bei uns. Häufiger hingegen sind durch falsche Lagerung Belastungen mit Schimmel oder durch Schwermetalle, vor allem Blei, wenn die Felder in der Nähe von Straßen und Schwerindustrie liegen. Lanzhou ist hier das Negativbeispiel, denn in dieser umweltverschmutzten Großstadt (Index >400) wird zugleich Schwermetall verarbeitet und Arzneimittel angebaut. Hier liegt nun ein weiterer Vorteil der Fertigarzneien: Beim industriellen Verarbeitungsprozeß ist das Herausfiltern von Schwermetallen keine große Schwierigkeit.

Auf Schwermetalle und Schimmel werden jedoch die meisten Arzneipflanzen in den großen staatlichen „Yinpianchang“  (Arzneiverarbeitungsstätten) untersucht. Nur diese dürfen als staatlich untersuchte erste Qualität verkauft werden. Japanische und taiwanesische Fertigprodukthersteller verwenden auch ausschließlich diese Qualität. Den in China heimischen Apotheken und Fertigarzneiherstellern blieb es jedoch bisher freigestellt, welche Warenqualität sie verwenden. Ab 2003 muß jedoch auch in China jede Fabrik eine GMP (Good manufacturing practice) nachweisen können, sonst wird sie geschlossen. Die Bedingungen hierzu schreiben auch schimmelfrei Lagerung, Filterung von Schwermetallen und Kontrolle der Arzneipflanzenqualität vor.

Es gibt in China etwa 300-500 Fertigarzneihersteller, die jedoch alle bis auf die Fabriken US Lanzhou und Foshan kaum ins Ausland exportieren. Der Hauptexport Chinas auf dem Gebiet der TCA (traditionelle chinesische Arznei) sind die Arzneipflanzen. Letztere bilden als Dekokt verwendet den Hauptanteil der Therapie mit TCM, d.h. 70% aller Patienten die sich mit traditionellen Arzneimitteln behandeln lassen, verwenden Dekokte statt Fertigarznei.

Da sich mehr als ein Drittel[6] aller Chinesen der VR China ausschließlich mit TCM behandeln lassen, läßt sich daher folgern, daß zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Prozent, fast ein Viertel aller Chinesen oder rund 1 Milliarde Menschen in China die chinesischen Arzneimitteldekokte einnehmen.

In den industriell weiter entwickelten Ländern Taiwan und Japan hingegen steht die knappe Zeit im Vordergrund und die Mehrheit der Patienten nimmt Fertigarzneien. Allein die kleine Insel Taiwan hat über 20 TCA-Fabriken, darunter auch viele in den Westen exportierende Firmen wie SunTen, KoDa, Kaisers, TianYi, MingTong. Viele darunter besitzen sogar international anerkannte GMP und erheben strenge Qualitätskontrollen. Dennoch müssen auch diese Fertigprodukte ebenso wie Arzneipflanzen in den Importländern nochmals auf Schadstoffe überprüft werden, um zum Verkauf zugelassen zu werden. Die Einzelprüfung jeder Charge und der Transport sorgen für gewaltige Preisunterschiede.

Ein nicht-fiktives Beispiel: Ein Bauer aus WenShan in der Provinz Guiyang in China verkauft ein Kilo seines angebauten Notoginseng (San Qi) für ca. 15 Euro, im Großhandel aus dem staatlichen Yinpianchang (Arzneiverarbeitungsfabrik) kostet es in der Großstadt Tianjin 50 Euro. Die Apotheken in der Stadt verkaufen es für ca. 80-100 Euro. Ein Arzneimittelimporteur in Europa mit Zertifikaten, z.B. geprüft auf Belastungen, verkauft es für 400 Euro, und aus Taiwan als Kapseln verpackt, kostet es in Holland ca. über 1000 Euro pro Kilo.

Wenn der Patient im Westen schon das 50-100fache des ursprünglichen Einkaufspreises zahlen soll, erwartet er natürlich auch die entsprechende Qualität. Leider ist die aber nicht immer gegeben. Warum dies besonders in Europa so ist, dazu muß man sich die gegenwärtige Lage etwas genauer anschauen.

Situation der chinesischen Arzneimitteltherapie in Deutschland und Europa

Anfang der Achtziger Jahre bereits begannen Importe von traditionellen chinesischen Arzneimitteln (TCA) nach Europa, deren größter Abnehmer Deutschland ist. Damals gab es nur zwei Apotheken, beide in Bayern, die etwa 120 verschiedene Arzneipflanzen importierten.

In den Neunzigern begann ein regelrechter TCA-Boom: 1995 exportierte die VR China Arzneipflanzen im Werte von 655 Millionen US-Dollar, das meiste davon an Japan und Singapur für fast 200 Millionen Dollar, doch die damalige EU stand bereits auf Platz 3 mit 55,6 Millionen, vor Korea, USA und Taiwan mit 51 Millionen, 40 Millionen und 39 Millionen.[7]

Deutschland lag von Anfang an, an der Spitze der Arzneipflanzenimporteure chinesischer Arznei: Fast die Hälfte der 55,6 Millionen, nämlich 25,2 Millionen gingen direkt an den bundesdeutschen Markt, gefolgt von Italien (6 Millionen), Belgien (5,85 Millionen) und Irland (2 Millionen).

Im Jahre 2001 lag der Gesamtmarkt aller Arzneipflanzen der EU (einschließlich der westlichen Arzneipflanzen) auf 3,2 Milliarden Euro, Deutschland hat auch hier die höchsten Anteile mit 1,47 Milliarden (46%), eine Zahl, die den Herstellern herkömmlicher Medikamente sicher den Mund wässrig macht.

Hinzu kommt, daß viele chinesische Kräuterarzneien über Drittländer wie Belgien nach Deutschland importiert wurden, um die hohen Kosten der Überprüfung (250-500 DM pro Arzneipflanzemuster), die komplizierten Gesetze (Mischung und Verkauf von Kräutern dem Apotheker vorbehalten, dennoch nicht als Arzneimittel importiert) zu umgehen.

In südeuropäischen Ländern wie Spanien und Italien ist man hingegen lockerer, kann Arzneikräuter auch außerhalb von Apotheken verkaufen und achtet stattdessen eher auf die (seit 1992 längst veraltete) Richtlinie des WWF zum Schutz seltener Tier- und Pflanzenarten, die z.B. Moschus noch als verboten indiziert, obwohl das Moschustier längst nicht mehr getötet wird, sonder jährlich seine sich neu füllende Duftdrüse ausgeschabt wird, oder der Pflanze Dendrobia, deren ca. 20 Arten zwar an manchen Orten auszusterben drohte, doch seit Jahrzehnten als Arzneipflanze in China in Massen angebaut wird und mittlerweile ihren Weg in unsere Wohnzimmer als Zierpflanze gefunden hat.

Auch gibt es in Italien einen Gesetzesentwurf, der traditionellen Arzneien einen neuen Status als Nahrungsergänzungmitttel (Food supplement) gibt, wie in den USA üblich.

In England waren bisher nur Arzneipflanzen verboten, die im Verdacht standen, Schäden an Patienten ausgelöst zu haben. Doch seit jeder Asia-Laden nun auch chinesische Fertigarznei wie Bonbons verkaufte, häuften sich kritische Stimmen sowohl der Gegner, als auch der großen Importeure und TCA-Produzenten, die für ihre Qualität in die Tasche greifen müssen.

In Holland können Pflanzen gleichzeitig als Nahrungsmittel und als Arznei gelten und in Belgien gibt es festgelegte Listen, welche Kräuter gesetzlich als Nahrungsmittel verkauft werden dürfen und welche nicht.

In Deutschland gibt es ca. 20 offizielle Fertigarznei-Importeure und eine Handvoll Arzneipflanzenimporteure, von welchen die meisten Qualitätskontrollen machen. So ergab z.B. eine Umfrage der Zeitschrift „Naturheilkunde“ unter 15 Importeuren in Deutschland, daß etwa 9 der auf die Umfrage reagierenden Firmen auf alle geforderten Qualitätskriterien längst Rücksicht nehmen.

Da aber jedes Land durch eigene Gesetze den Import reguliert, die gegenseitige Einfuhr unter den EU-Ländern jedoch erlaubt ist, entstand die absurde Situation, daß in Deutschland viele Therapeuten den Patienten die Arzneikräuter via EU-Nachbarländer nach Hause schicken lassen, um den Patienten unnötige finanzielle Belastungen zu ersparen. Doch wie viele Therapeuten sind in der Lage, die Qualität solcher Grauimporte zu beurteilen?


Neue EU-Regelung: Das Aus oder eine neue Chance für chinesische Arzneien?

Nachdem eine Untersuchung über pflanzliche Arzneimittel der europäischen  Arzneimittlekommission in den Mitgliedsländern der EU 1999 ergab, daß die damals vorgegeben Vorderungen durch die sogenannte 65/65 EEC Direktive in keinem Land komplett realisierbar waren, versuchte die Europäische Arzneimittelkommision, die EMEA, eine neue Direktive zu schaffen, um den Gebrauch von Pflanzenarzei zu vereinheitlichen. Diese neue Direktive 99/83 forderte, nicht länger den o.g. unsinnigen Wirkungsnachweis nach den Regeln der klassisch-linearen Forschung, sondern begnügte sich mit dem Nachweis eines traditionellen Gebrauchs seit 30 Jahren und die Prüfung auf Identität, Qualität und Reinheit, nicht aber auf ihre Wirksamkeit, da diese sich aus dem traditionellen Gebrauch ergibt. Das Produkt würde dann mit einem Hinweis so beschriftet werden, daß der Verbraucher erkennt, daß es nicht auf klinische Wirksamkeit geprüft wurde.

Diese Direktive, genannt TUD (Traditionelle Use Directive) wurde zunächst von vielen kommerziellen Fertigarzneiherstellern westlicher Pflanzenarzneien begrüßt, da sie nun des Wirksamkeitsnachweises enthoben waren und nur ein GMP-Nachweis gefordert wurde, doch damit würden Pflanzenarzneien verschreibungspflichtig und würden in fast allen Mitgliederländern der EU nur noch von Ärzten verwendet werden dürfen.

Ferner entfallen alle chinesischen, indisch-ayurvedischen, tibetischen Arzneien, die ja frühestens seit den achtziger Jahren in Europa erhältlich waren.

Im zweiten Entwurf vom April 2001 wurde sogar nur noch von Fertigprodukten gesprochen DTMP (Direktive traditioneller Medizinprodukte), so das die als Rohdrogen geltenden nicht-Europäischen Pflanzenarzneien von Anfang an vom Verkauf und Import ausgeschlossen wären.

Ferner wurden in der zweiten Fassung auch alle mineralischen (Mirabilitum, Eisensalze) oder tierischen Arzneien (Austernschalen, getrocknete Blutegel, u.ä.) mit ausgeschlossen.

Aufgrund der 30-Jahre Regelung enfielen ebenso künftige neu entdeckte Arzneipflanzen, wie es z.B. der Gingko oder Echinacea erst vor einigen Jahrzehnten noch waren. Letzterer, d.h. der Sonnenhut wäre auch schon deshalb ausgeschlossen, weil er amerikanischen, also ebenfalls nicht-Europäischen Ursprungs ist. Solche Einschränkungen  mögen sogar gegen Abkommen der Welthandelsorganisation verstossen.

Statt dem Verbraucher mehr Sicherheit zu bieten, wären ein Europäer mit asiatischen, amerikanischen oder anderen Wurzeln also gezwungen, auf seine traditionelle Medizinkultur zu verzichten oder auf illegale, zwielichtige Resourcen zurückzugreifen.

Ferner würde dies auch für alle Patienten gelten, die ihre chronische Erkrankung oder deren Fortschreiten nur mit einer modifizierbaren chinesischen Rezeptur aufhalten können oder wollen, oder die in einer der vielen Kliniken für Chinesische Medizin wie in Kötzting, Steigerwald, Malaga oder London mit Arzneidekokten behandelt werden, das heißt also für einen nicht geringen Teil der Europäischen Verbraucher entstünde eine Verschlechterung der Gesundheitslage, auf die sie aber laut der jeweiligen Landesverfassungen ein Recht haben.


Zusammenfassung und Kommentar

Die Wirksamkeit jeglicher pflanzlicher Arzneimittel, besonders aber der aufgrund von systemisch-orientierten Grundlagen eingesetzten chinesischen Arzneien läßt sich nicht effektiv aufgrund der für isolierte Einzelsubstanzen entwickelten pharmakologischen Forschung nachweisen, außer im klinischen Großversuch, zu welchem aber im Gegensatz zur herkömmlichen Pharmaforschung die Mittel fehlen.

Chinesische Arzneimittel, die als modifizierbare Dekokte gezielt eingesetzt werden, finden aufgrund der modernen Anforderungen auch immer mehr Anwendung als Fertigarzneien. Beide Formen dieser Therapie verwenden als Rohdroge Arzneien aus China, die zwar unter sich ständig bessernden Bedingungen angebaut werden, aber dennoch nicht immer den Qualitätsansprüchen des westlichen Verbrauchers genügen.

Die hierzu vorhandenen gesetzlichen Regelungen sind in allen EU-Ländern unterschiedlich, sollen nun aber vereinheitlicht werden. Eine Interessenkollision besteht hierbei zwischen

*  dem Verbraucher, der sich nur wünscht sichere, qualitativ hochwertige und bezahlbare Therapieformen zur Auswahl zu haben,

*  der Pharmagroßindustrie, zu welcher Phytopharmaka marktwirtschaftlich in Konkurrenz stehen, und der eine Verschreibungspflicht für alle pflanzlichen Mittel zu Gute käme, da sich damit der Konkurenzmarkt verkleinert,

*  der Phytopharmaindustrie, die hauptsächlich westliche Pflanzenarznei verkauft, und in Konkurenz zur Roharznei steht, welche sie durch ihre Fertigprodukte zu ersetzen wünscht und für die ein Komplettverbot aller Importpflanzen am Besten wäre, und

*  den Roharzeimporteuren die praktisch keine Lobby haben, aber als Anbieter der individuell und aktuell modifizierbaren Arzneipflanzen dennoch einen hohen therapeutischen Stellenwert für die Therapeuten besitzen.

Die Entscheidung hierüber treffen jedoch – so ist zu befürchten – Politiker, denen der Einblick in diese hochkomplexe Situation fehlt, so daß zu befürchten steht, daß die Interessen des Verbrauchers und der Therapeuten auf der Strecke bleiben, für welche natürlich eine pluralistische Auswahl therapeutischer Optionen am Sinnvollsten ist.

Eine Lösung wäre die Neufassung der „Traditional Use-Direktive“, die alle traditionellen Arzneiformen mit einer langen und sicheren Anwendungszeit, auch ausserhalb der EU mit einbezieht, wobei auch eine Prüfung auf Echtheit (Identität), Qualität (Rückstände) und Reinheit, sowie bei Fertigprodukten auf eine GMP gesichert sein muß. Der Verkauf sollte nur an bestimmten Stellen wie Apotheken, staatlich geprüften Kräutergeschäften u.ä. erlaubt sein, die die geforderte Qualitätskontrolle und die korrekte Zusammenstellung einer individuellen Rezeptur (nach Artikel 4 der 65/65 EEC Direktive) gewährleisten oder nachweisen können.

Für die EU-weite Förderung einer solchen Lösung, sowie die Bildung von Selbstregulationsstatuten in Ausbildung und Prüfung für Pflanzentherapeuten (Herbalists) in jedem EU-Mitgliedsland setzt sich die seit 1997 gegründete Organisation EHPA (European Herbal Practicioners Association) besonders ein. Sie steht auch in Dialog mit der Europäische Arzneimmittelkommision (EMEA) und veröffentlicht den jeweiligen Stand der Dinge. Auch in Deutschland haben einige Verbände bereits aufgehorcht und arbeiten an einer Lösung, darunter die ArGeTCM, der Deutsche Berufverband der TCM-Therapeuten (DBVTCM), die DWGTCM und die SMS. Woran es vorallem mangelt, ist eine gemeinsame Kooperation der verschiedenen Organisationen im In- und Ausland. Denn wenn diese Direktive in der derzeitigen Fassung in Kraft träte, so würde es ein „Aus“ für die TCM und ihre Arzneimitteltherapie bedeuten.

 

 

 

Bibliographie:

Prigogine I.: “Vom Sein zum Werden”, Engl.: “From being to becoming”, Freeman, San Francisco, 1980

Capra F.: “The Web of Life, Chap. 6: The  mathematics of complexity”, Anchor Books, New York, 1996

Heisenberg, W.: “Der Teil und das Ganze”, Engl: “Physics and beyond”, Harper & Row, New York, 1971

Neeb, G.:„Non-Linear Medicine: Prospects of a future medicine and the role of TCM in its development“ in: Congress papers of the Congress of TCM in The Netherlands, Maastricht, June 2000

European Commission: COST Action B4, Unconventional medicine, EUR 18420 EN, 1998

European Commission: DMTP Draft, April 2001

 

 



[1] Genauer beschrieben in: Uexküll/Wesisack: Theorie der Humanmedizin, Urban & Schwarzenberg,1991 und A. Bauer (Hrg.)Theorie der Medizin, J. A. Barth-Verlag,1995

[2] Ernsthaft möglich im Sinne von wirtschaftlich: Auch der Traum der Alchemisten, die Verwandlung von Blei in Gold ist heute möglich, aber so teuer, dass es nicht sinnvoll ist.

[3] Gase in Bewegung lassen sich nur als Ganzkörper berechnen, nicht aber die einzelnen Gasmoleküle. Heisenbergs Unschärferelation zeigt ein ähnliches Prinzip im Quanten-Raum auf. Prigogine spricht bei Lebensformen von „dissipativen Strukturen“, usw. Eine Diskussion dieses Themas würde jedoch den Rahmen dieses Artikels sprengen. Siehe dazu meine Ausführungen in: „Non-Linear Medicine: Prospects of a future medicine and the role of TCM in its development“ Published in the Congress papers of The  Congress of TCM, Maastricht, Netherlands 2001

[4] Der Zusammenhang an dieser Stelle mit dem TCM-Muster Himmel-Erde-Mensch (Tian, Di, Ren) ist kein Zufall.

[5] Was übrigens auch für alle nicht-biologisch angebauten Gemüsesorten bei uns gilt.

[6] Lt. Einer Erhebung des Jahres 1998 ca. 35%

[7] Quelle: Aus offiziellen Chinesischen Quellen zitiert in der Doktorarbeit von Dr. Bi-Hsia Yeh:" Cross-cultural Analysis of traditional medical systems in Europe and China"