<Wes Brot ich ess'…>

Gedanken und Anmerkungen zur Literatur über chinesische Diätetik und Ernährungskunde

Immer wieder kamen per email Anfragen zu unserer Nahrungsmittelliste, obwohl ich diese eigentlich nur mit einem unguten Gefühl veröffentlichte, zum einen, weil ich sie nicht zu den meinen Spezialgebieten zähle, die ich in- und auswendig nachvollziehen kann, und zum anderen weil ich wußte, daß es beim Thema Ernährung so viele Meinungen wie Menschentypen gibt, und davon ist selbst die chinesische Medizin nicht ausgenommen.

Ich habe daher zum Vergleich einmal 10 Nahrungsmittel von sechs verschiedenen Autoren aus (Deutschland und Schweiz, USA und Kanada, und China) nebeneinandergestellt, nämlich fünf, die es auch in China gibt und fünf nicht-chinesische oder moderne zu denen die Angaben schwer zu finden sind. Hier die Ergebnisse:

Name Cai, Jingfeng Guido Fisch Kirchhoff u. Kempfle Henry Lu Ni, Maoshing Zhang, Wen-Gao
Banane Süß, kalt n/a Süß, kalt, Mi, Ma, Lu, Di Süß, kalt, klebrig Süß, kalt, Lu, Di, Dü Süß, kalt, Lu, Di
Hirse n/a Yang (= warm), Mi, Ma, Lu, Di Süß/salzig, neutr., Mi, Ma, Ni n/a Süß, kühl, Ma, Di, Dü Süß/salzig, kühl, Mi, Ma, Ni
Honig Süß, neutr., Mi, Ma n/a Süß, neutr., Mi, Lu, Di Süß, neutr. Lu, Mi, Ma, Di Süß, neutr., Mi Süß, neutr., Mi, Lu, Di
Kaffee n/a n/a bitter, warm He Süß/bitter, warm, He Süß/bitter, warm n/a
Karotte

(Möhre)

Süß, leicht warm Yang (= warm), Ni, Mi Süß, neutr., Gb, He, Dü, Ni Süß, neutr., Lu Süß/scharf, kühl, Süß, neutr., Lu, Mi
Kartoffel Süß, neutr., Mi, Ma n/a Süß, neutr., Mi, Ma, Ni Süß, neutr., Mi Süß, kühl, Mi, Ma, Di, Dü n/a
Reis Süß, neutr./ warm n/a, warm, Di, Dü Süß, neutr., Mi, Ma, Lu Süß, neutr., Mi, Ma Süß, leicht kühl. Süß, warm, Mi, Ma
Rindfleisch Süß, warm n/a Süß, warm, Mi, Ma, Di Süß, neutr., Mi, Ma Süß, warm, Mi, Ma n/a
Rosmarin n/a n/a Scharf, warm, Mi, Ma, Lu, Ni Scharf , warm n/a n/a
Sojabohne

(Sprossen)

Süß, leicht kalt n/a Süß/scharf, kühl, n/a Süß, neutr. Di, Mi Süß, kühl, Ma Süß, neutr., Di, Mi
Spinat Süß, kalt n/a Süß, kühl, Le, Dü, Mi, Di Süß, neutr., Di, Dü Süß, kühl, Di, Dü, alle Süß, kühl, Di, Ma
Tabak n/a n/a Scharf/bitter warm, n/a Scharf, warm, giftig n/a n/a
Weißer Zucker Süß, neutr., Mi n/a Süß, neutr., Mi, Ma, Lu Süß, neutr., Mi Süß, kalt, Lu Süß, neutr., Lu, Mi

Während bei dieser Stichprobe so einfache Nahrungsmittel wie Reis und Hirse mal warm, mal neutral und mal leicht kühl sind, und die Karotte sich hier auf Niere, dort auf Lunge und da auf die Gallenblase auswirken, so herrscht zumindest bei den fünf Sapores (Geschmacksrichtungen) ziemliche Übereinstimmung. Dennoch wird sich mancher fragen, welchem Autor er nun glauben soll, oder ob es denn überhaupt Sinn macht, sich nach diesem Einteilungen zu ernähren. Dazu muß man zuerst wissen, daß die Autoren z.T. andere Gewichtung setzten. Bei Zhang z.B. wurden nur traditionelle, gesunde Nahrungsmittel aufgeführt, weshalb sich auch Kaffee, Tabak und sogar Kartoffeln dort nicht finden. Bei Fisch lag der Schwertpunkt auf dem theoretischen System, die Nahrungsmittel sind nur als einzelne Beispiel genannt, etc. Jeder Autor hat seine Stärken und Schwächen: Fisch erklärt viel über die theoretischen Grundlagen der chinesischen Medizin und spricht auch über andere Diäten. Auf der plakatartigen Ernährungstafel von Kirchhoff und Kempfle ist außer dem umfangreichen Angebot an Nahrungsmittel kein Platz mehr für weitere theoretische Erklärungen möglich gewesen, dafür ist sie aber ein sehr übersichtliches Nachschlagewerk für die Küchenwand und augenscheinlich am umfassendsten recherschiert. Man darf also schon auf das Werk in Buchform gespannt sein, das auf der VGM-Homepage noch für dieses JAhr angekndigt wurde.

Bei den englischsprachigen Autoren kommt das Sprachhandikap für viele Leser hinzu, die nicht alle Nahrungsmittelnamen auswendig kennen und z.B. Hirse unter "Millet" suchen müssen. Unter diesen sind Lu und Ni in Kanada und den USA erschienen, und berücksichtigen daher mehr die dortigen Eßgewohnheiten. Ni legt außerdem Wert auf die spirituellen Aspekte, während Lu ein eigenes, hochkompliziertes System zur Yin/Yang-Differenzierung der Nahrungsmittel anbietet. Die beiden chinesischen Werke sind ebenfalls stark verschieden: Während Cai ein allgemeinverständliches und einführendes Heftchen für den Laien anbietet, geht Zhang umfassend in die Tiefe der chinesischen Ernährungstherapie und erklärt sie aus der Sicht der TCM.

Damit wären wir auch schon beim Stichwort: Wenn wir einmal einen kurzen Streifzug durch die Vergangenheit der TCM-Diätetik machen, so wird uns auch schon klar, weshalb die Autoren voneinander abweichen.

Die ersten Erwähnungen über Ernährungslehre gehen zurück bis in die teils legendären ersten Dynastien Xia und Shang, vor mehr als 4000 Jahren. Aufzeichnungen gibt es aber bereits aus der frühen Zhou-Dynastie gab es an den Königshöfen (China hatte noch keinen Kaiser und war daher geteilt) schon ärztliche Ernährungsspezialisten, die Nahrungskombinationen auf ihren Wert oder Schaden hin prüften. Tatsächlich wurde damals noch nicht zwischen Nahrungsmittel und Arznei unterschieden, was auch die Verwandtschaft der Systematisierung von Arzneien und Nahrungsmitteln erklärt. Nun ist es aber so, daß beide nicht nur nach ihrem tatsächlichen Geschmack hin in bitter, süß usw. unterschieden werden, sondern auch nach der Wirkungsweise im Körper.

Im berühmten Klassiker des 2 Jh. dem Jin Kui Yao Lüe ( von Zhang Zong-Jing) ist der schädlichen und Kombination von unverträglichen Nahrungsmitteln ein ganzes Kapitel gewidmet und auch der König der Arzneimittel, der taoistische Arzt Sun Si-Miao (7. Jh.) widmet diesen mehrere Kapitel. Er schreibt u.a.: "Medikamente sind wild wie Soldaten der hohen Garde und sollten daher nicht gedankenlos in leichten Fällen verwendet werden. (…) Daher sollten zur Behandlung einer Krankheit zuerst die Diätetik stehen und erst wenn diese Versagt, die Arzneimitteltherapie in Betracht gezogen werden."

Die Kapitel zur Diätetik wurden später von Meng Shen und Zhang Ding zu dem Diätetik-Klassiker "Arzneimittel zur Diätetik" (Shi Liao Ben Cao) ergänzt und von den folgenden Generationen weiter vervollständigt. Mit der Zeit kamen auch neue Nahrungsmittel wie Pfirsiche und Tomaten hinzu, und heutzutage versucht man auch die industriellen Produkte wie weißen Zucker zu klassifizieren.

Dies ist aber leichter gesagt als getan. Bei den schneller wirkenden Arzneimittel zeigt sich die Wirkung auf den Körper schnell und deutlich, wie z.B. bei der zu den Arzneimitteln gehörenden Ingwerwurzel, die sofort und deutlich warm macht und scharf schmeckt. Doch wie soll man Tabak oder gar Schmelzkäse einordnen ? Man müßte jemanden lange Zeit beobachten und untersuchen und dieser dürfte nichts anders zu sich nehmen um eine exakte Wirkung festzustellen.

Hinzu kommt die Veränderung durch Zubereitung und Einnahme, wie z.B. das Erhitzen oder Verarbeiten. Natürlich läßt sich schließen, daß Tabak zunächst auf die Lunge und Kaffee auf das Herz (im anatomischen wie auch TCM - Sinn) wirkt, doch gehört der Kaffee zum zu heißen Temperaturverhalten, weil er geröstet und erhitzt wurde, erregend aktiviert und bei vielen Menschen Hautentzündungen und Pickel erzeugt, also alles Yang-Eigenschaften; oder muß man ihn zu den Yin-Nahrungsmitteln zählen, weil er bitter ist, abführend bzw. stuhlfördernd wirkt, und eine harte, dunkle Bohne ist ? Ich weiß dazu keine eindeutige Antwort, denn hier stößt der preußische verabsolutierende Ordnungssinn wieder mit dem orientalischen "Relativ-Denken" zusammen.

Fisch schreibt daher in einer Fußnote: "Eine solche Einteilung kann nichts Absolutes sein, denn Yin und Yang sind ständig in Bewegung; eigentlich ist alles, was man sagen kann, daß ein Nahrungsmittel mehr Yin ist als Yang oder mehr Yang als Yin."

Was kann also der Patient oder Konsument tun, wenn alles relativ und damit wieder bedeutungslos zu werden scheint ? Lu schreibt dazu folgendes:

"Ich werde in meinen Vorträgen und in der Praxis oft von Leuten gefragt: 'Ist Tee gut?' 'Ist Kaffee besser als Tee?' 'Ist Alkohol gut für einen?' Es gibt keine absoluten Antworten. Die Wahrheit ist, das diese Fragen falsch gestellt werden. Es wäre sinnvoller zu fragen: Ist Tee gut für mich? Was ist besser für mich, Kaffee oder Tee ? Ist es gut für mich Alkohol zu trinken ? Diese Fragen können genau beantwortet werden."

Wir kommen also zu dem Schluß, daß die Diätetik in der chinesischen Medizin, die ja eng mit der Arzneimitteltherapie verbunden ist, deren Vor- und Nachteile in sich trägt: Beide lassen sich nur schwer verallgemeinern, können aber ganz genau auf das Individuum und seine individuellen Bedürfnisse eingehen, um eine optimalen Erfolg zu erzielen.

Aus diesem Grunde wird es vielleicht nie eine 100% Übereinstimmung in der Klassifizierung der Arzneimittel und vorallem der Nahrungsmittel geben.

Referenzliteratur:

Cai, Jingfeng: Eating your Way To Health, Foreign Languages Press, Beijing, 1988, 1993, ISBN 0-8351-1953-X, und 7-119-00550-2

Guido Fisch: Chinesische Heilkunde in unserer Ernährung, Synthesis Verlag, Lausanne 1982, 1983, ISBN 3-922026-21-4

S. Kirchhoff u. T. Kempfle: Chinesische Diätetik, Ernährungstafel, VGM-Wühr-Verlag, Kötzting 1997

Henry C. Lu: Chinese System of Food Cures, Sterling Publ.,Toronto 1986, ISBN 0-8069-6308-5

Ni, Maoshing: The Tao of Nutrition, Seven Star Commun., Santa Monica 1987, 1994, ISBN 0-937064-66-1

Zhang, Wen-Gao: Chinese Medicated Diet, Shanghai College of TCM, Shanghai 1988, 1990, ISBN 7-81010-124-2

Zhang, En-Qin (ed.): Health Preservation and Rehabilitation, Shanghai College of TCM, Shanghai 1988, 1990, ISBN 7-81010-122-6

Neueste Werke zum Thema Ernährung in der chinesischen Medizin:

Stefan Kirchhoff: Chinesische Diätetik: Materia diaetetika, Band 1
Praktisches Handbuch für Therapeuten von Stefan Kirchhoff.
ISBN 3-927344-15-X / vorauss. Erscheinungsdatum (lt. Verlag): 1999

Mantak und Maneewan Chia: Das Tao der Ernährung, Ansata Verlag, vorauss.. Erscheinen: n/a

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Letzter Update: 02 May 2003