Moderne Pulsdiagnoseforschung:

"Es ist geradezu ein Gemeinplatz in bestimmten medizinischen Zeitschriften, sich über die chinesische Pulsdiagnose zu mokieren oder zumindest ihre fundamentale Bedeutung und Aussagekraft zu relativieren." Prof.Dr.M.Porkert in: Die Probleme der chinesischen Pulsdiagnose, Acta Medicinae Sinensis 1980-82

Die Pulsdiagnose gilt im Westen als schwer erlernbar, weil ihr die Standards fehlen, an welche sich ein Lernender halten könnte. Auch kommt mir immer wieder die Geschichte zu Ohren, das bei einem Besuch einer deutschen Therapeutengruppe in China fünf verschiedene chinesische Ärzte den gleichen Puls eines Patienten mit verschiedenen Namen benannten (und allerdings zum gleichen Therapieergebnis kamen). Die Pulsdiagnose als "unwissenschaftlich" und schwer erlernbar abzutun, erspart natürlich die Mühe, sie zu lernen zu müssen. Doch ist das wirklich so einfach ?

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Meiner Erfahrung nach ist die Pulsdiagnose überhaupt nicht schwer zu erlernen, wenn man eine klare Vorstellung hat, worauf man achten muß. So habe ich mir z.B. den Se Mai (Pulsus asper, rauher Puls) immer gut vorstellen können, beschreibt doch Li Shi-Zhen den Puls so schön bildlich: "Als ob ein kleines Messer über ein Bambusrohr schabt…". Ich dachte also, es fühlt sich lediglich so an wie ein feines Schaben. Nur Schade - die Vorstellung war falsch! Der Bambus ist glatt und überhaupt nicht leicht zu beschaben (wahrscheinlich habe ich eher an Schilfrohr gedacht). Die Erleuchtung kam mir erst, als ich ein mit einem Pulswellendetektor aufgezeichnetes Bild sah,

das Bild sah nämlich so aus (oben) und erinnerte mich an folgendes (R: "Bambus", 14.Jh.,bearbeitet):

Und plötzlich war mir klar, was die andere Beschreibung aus dem Mai-Jing bedeutete: "Der Se-Mai kommt nur schwer und geht auch wieder schwer…" und mir war klar, daß ich viele Patienten mit Blutstase hatte, deren Puls ich für tief, schwach und fein gehalten hatte den rauhen Puls besaßen, der -wie ich mich immer beschwert hatte - so gut wie nie auftrat. Ich hatte ihn mir nämlich falsch vorgestellt…

Daraus habe ich gelernt, daß die moderne Messung des Pulses bei all ihren Unvollkommenheiten den Therapeuten dennoch weiterbringen kann, da sie ihm zusätzliche und verläßliche Informationen bietet. Aus diesem Grunde stelle ich hier die Forschungsergebnisse der letzten Jahre dar.

Statistische Auswertungen klinischer Pulse

Es gibt in China ein große Anzahl von Vergleichen zwischen Pulsbildern und Krankheiten, die einer westlichen Definition entsprechen. Die Eindeutigsten darunter sind folgende:

1. Hypertonie

2. Koronare Herzkrankheiten

3. Hepatitis

4. Chronische Gastritis

Eine andere interessante statistische Auswertung ist die von insgesamt 4600 Fällen von berühmten Ärzten der klassischen und modernen Zeitalter. Hierbei stellte sich heraus das in nur 10% der Fälle die organbezogene Pulsstelle als Kriterium zur Diagnose und Therapie herangezogen wurde. Die anderen 90% bewerteten zwar den Puls als solchem, auch die Pulsstelle, aber nicht den genauen Bezug zum Funktionskreis.

Die Objektivierung der Pulsdiagose in der modernen chinesischen Medizin

Pulsdiagnose wissenschaftlich (links) oder traditionell (rechts) ? Doch warum "oder" statt "und" ? Die tolerante und eklektische Aufnahme neuer Informationen war schon immer eine der Stärken der chinesischen Kultur. (Bilder:Xue Xu-Guang)

In der Mitte der 70 Jahre begann man in China mit veränderten Elektrokardiographen Pulse zu messen und aufzuzeichnen. Zu dieser Zeit konnte man nur Grundpulse feststellen, die sich durch Geschwindigkeit (Shuo, Chi, Ji), Stärke (Shi, Xu, Ruo) Höhe (Fu, Shen) und Länge (Chang, Duan) und Rhythmus (Dai, Jie, Cu) auszeichneten. Somit waren immerhin fast die Hälfte der Bekannten Pulse aufzeichenbar und konnten von jedem verifiziert werden. Dennoch waren die Geräte umstritten und wurden von den Traditionalisten als Gerätemedizin abgelehnt. Im Laufe der Jahre wurde jedoch die Meßtechnnik der Sonden verfeinert und verbessert, so daß auch komplexe Pulsbilder gemessen werden konnten. Besonders in Taiwan und in klinischen Studien, in denen eine Standardisierung der Puls benötigt wurde fanden diese Geräte ihren Einsatz und werden ihre Graphen heute oft herangezogen, um den Studenten eine klare Vorstellung über die Pulse zu geben.

Das die Feinheit der menschlichen Sinne unübertreffbar ist, darüber streitet sich heute niemand mehr, und langjährige klinische Praktiker benötigen keine Geräte, um ihr Wissen zu bereichern. Dennoch haben die Pulsographen Eingang gefunden in die Bereiche, in denen sie echte Beiträge leisten können. Und warum auch nicht ? Eine ganzheitliche Betrachtungsweise kann und sollte sich alle zur Verfügung stehenden Informationen zu Nutze machen, wenn sie in Diagnose oder Therapie weiterhelfen können.

Untenstehend folgen nun die Pulse und ihre Meßergebnisse aus den Pulsographen. Wer sich nur für die unverfälschten klassischern Texte interessiert, der sei auf die Übersetzung des Pulstextes von Xu Da-Chun in der Rubrik Klassiker hingewiesen.

Im nebenstehenden Bild werden die Pulswelle des Pulsdruck und die elektrische Welle des Herzens im EKG miteinander verglichen. P,Q,R,S,T und U sind aus der Elektrokardio- graphie bekannt, in der Pulsographie stehen folgende Buchstaben für folgende Anteile der Pulswelle:

Die kleine A-Welle tritt oft kurz vor dem großen UP-Komplex auf. Dieser besteht aus dem tiefsten negativen Ausschlag (U) und dem höchsten positiven Ausschlag (P). Wichtig ist die Höhe und der Anstiegswinkel der P-Welle zur Nulllinie (0). Die T-Kuppe und die D-Kuppe sind auch im normalen Pulsbild vorhanden. Das V-Tal entsteht vor der D-Kuppe und gilt als Meßpunkt für deren Höhe. Ferner von Bedeutung ist auch der Abstiegswinkel der Welle zu U1. Größe ist wie beim EKG, d.h. 1mm Kästchen=0.04s. Ein normales Pulsbild sieht also so aus:

Ein von U aus ein steiler Anstieg der P-Welle mit einem flachen Abstieg über T-Kuppe und D-Kuppe bis hin zu U1. Die Höhe der Kurve zeigt uns die Kraft und Tiefe des Pulses; die Länge zeigt uns seine Geschwindigkeit und die Form der Kurve, ihr Winkel und die Lage der Kuppen zeigen uns die Form des Pulses.

Wir gehen jetzt die wichtigsten Pulse im Einzelnen durch:

1. Höhe und Tiefe des Pulses, sowie sein Rhythmus

Der Fu-Mai (oberflächliche Puls läßt sich schon beim leichten Auflegen der Finger auf die Pulsstelle spüren, seine P-Kurve geht also weit hoch, während der Chen-Mai (tiefe Puls) genau gegenteilig aussieht und eine flache, stumpfe P-Welle zeigt:Die sich durch ihre Unregelmäßigkeit auszeichnenden Pulse Jie-Mai und Dai-Mai lassen sich im EKG (Herzrhythmusstörungen) genauso leicht wie durch das Fühlen des Pulses erkennen. Schnelle und langsame Pulse spiegeln die Pulsfrequenz wieder, was man sowohl im EKG als auch im Pulsgraphen durch den Abstand von P zu P1 erkennen kann. Doch wie unterscheidet man einen schnellen von einem kurzen Puls?

2. Geschwindigkeit vesus Länge der Pulstelle

Während der Duan-Mai an allen drei Pulsstellen nur ganz kurz als stumpfe Welle zu spüren ist, und an der Chi-Position kaum noch auftaucht,

 

zeichnet sich der Suo-Mai durch sein schnelles aber deutliches Auftauchen und Verschwinden - also durch seine Geschwindigkeit aus.

Umgekehrt füllt der lange Puls weit mehr als die drei Pulsstellen aus und der langsame Puls hat eine niedrige Amplitude.

3. Form der Pulswelle

Kommen wir nach den 4 Dimensionen der Pulse nun zu den schwierigen Pulsen den Pulsen mit einer speziellen Form:

Der häufig zu fühlende Xuan-Mai (saitenförmiger Puls) ist ebenso leicht zu fühlen wie vorzustellen. Auch im Pulsogramm sieht er deutlich aus: Seine fühlbare P-Wellenspitze ist so verbreitert, daß der ganze Puls nur aus einem geraden Stück zu sein scheint: Man beachte den flachen Kopf der P-Welle.

Doch auch der Jin-Mai (gespannte Puls gilt als "gerade", wie ein gespanntes Seil statt wie eine Lautensaite. Demnach müßten sich die beiden Pulse ähnlich sein, bis auf die Geschwindigkeit: Der Jin-Mai gehört ja zu den beschleunigeten Pulsen. Hier also zum Vergleich (unten) der Jin-Mai. Er ist auch fast glatt an der Spitze, doch der hochgezogene T-Kuppe fühlt sich wie eine Zacke an und gibt daher das Gefühl des "verdrillten" Seils. Auch die Pulsfreuquenz ist - ganz wie in den Klassikern beschrieben - erhöht.

 

Während sich der Xuan-Mai glatt und gerade anfühlt wird als sein Gegenstück immer der Hua-Mai (schlüpfrige Puls) angegeben. Man hat manchmal das Gefühl, als fühle man zwei Venen statt einer, so beweglich fühlt er sich an. Wie wird sich der Hua-Mai also im Graphen darstellen ? Er sieht durch den tiefen Einschnitt zwischen P-Welle und T-Kuppe tatsächlich wie ein Doppelpuls aus.

Ein anderer Formpuls, der wie eine Welle beschrieben wird, ist der Hong-Mai (der flutende Puls) der sich stark und brausend wie eine Flutwelle anfühlt, schnell kommt und dann abebbt. Doch sieht seine Pulswelle als Graph auch so aus ? Unten sehen wir das Ergebnis:

Der Hong-Mai Puls kommt so steil und schnell, daß der Schreibstift gar keine Zeit hat, die Aufwärtskurve zu beschreiben, dann ebbt er auch relativ steil wieder ab. Rechts im Bild sehen wir den gleichen Puls an der Fu-Position, der mittleren und der Shen-Position, also mit steigendem Druck gemessen. Auch hier sehen wir, wie kraftvoll der Puls von der Spitze bis hin zur Wurzel spürbar ist.

Nun sehen wir uns noch einen Puls an, der oft als grafisch schwer darstellbar gilt: Den Kou-Mai (zwiebelstengelförmigen Puls). Wie soll man sich dies vorstellen ? Die Klassiker sprechen von einer leeren Mitte; ein Puls der nur oben und unten gefühlt werden kann. Wie sieht eine solche Kurve aus?

Oben sehen wie einen Kou-Mai gemessen an der Guan-Position beim Menschen mit blutverlust, rechts einen tierexperimentell erzeugten zwiebelstengelförmigen Puls: Man fühlt also die Spitze der P-Welle bei geringem Druck an der oberen Fu-Pulsstelle und das angehobene V-Tal bei mehr Druck an der unteren Shen-Pulsstelle. Dazwischen ist die "Leere".

Diese wenigen Pulsgraphen sollten nur einen kurzen Einblick geben, was sich heute mit der meßbaren Pulsikonographie machen läßt. Doch sind auch diese Bilder bereits veraltet. Inzwischen werden in Taiwan und Shanghai längst noch bessere Geräte verwendet, die die Graphen im Computer speichern und vergleichen können. Sie sind ein gutes Vergleichsmittel bei klinischen Studien und für den Studenden der Pulsdiagnose ein nützliches Werkzeug. Dennoch bleibt am Krankenbett das feinste Werkzeug nach wie vor die menschliche Fingertastung, kombiniert mit der der Erfahrung die sich aus vielen Tastungen ergibt. Es besteht also kein Grund zur Technikfeindlichkeit: Die traditionelle chinesische Medizin wird zwar moderner, aber deshalb nicht weniger traditionell.

Gunter R.Neeb

Literatur:

Zhong Yi Mai Xiang Yan Jiu, Ren Min Chu Ban She Beijing 1986, 1995

Zhong Yi Ke Yan Ji Ben Si Lu He Fang Fa, Ren Min Chu Ban She Beijing, 1998

Xian Dai Zhong Yi Yao Ying Yong Yu Yan Jiu Da Xi, Shanghai, Shanghai University of TCM Press, 1995

 

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Letzter Update: 02 May 2003