Zur Situation der chinesischen Arzneimitteltherapie in Deutschland und Europa

Seit Anfang der Neuniger Jahre begannen Importe von traditionellen chinesischen Arzneimitteln (TCA) nach Europa, deren größter Abnehmer Deutschland ist.

Laut chinesischen Handelsberichten lag der Wert der nach Deutschland importierten TCA Im Jahre 1995 bei 25 Mill. US-Dollar, also das zehnfache von Ländern wie Holland oder Italien. Etwa auch seit der gleichen Zeit gibt es das Gesetz zur Einfuhr von Arzneimitteln in die EU, das die Schadstoffkontrolle auf Schwermetalle, Pestizide und Schimmelpilze vorsieht, was ja auch durchaus seine Berechtigung hat.

Angewendet wird das obige Gesetz bislang nur in Deutschland und Frankreich. In England ist andererseits der Import von Arzneisubstanzen so stark kontrolliert, daß es praktisch keine Möglichkeit des Importes von TCA gäbe, wenn diese nicht als Tees, Nahrungsergänzungsmittel etc. deklariert werden würden.

In südeuropäischen Ländern wie Spanien und Italien ist man hingegen lockerer, und achtet vorallem auf die (seit 1992 längst veraltete) Richtlinie der WHO zum Schutz seltener Tierarten, die z.B. Moschus noch als verboten indiziert, obwohl das Moschusreh längst in Massen gehalten und zur Gewinnung der hochwirksamen Arzneisubstanz nicht mehr getötet wird (Stattdessen wird seine sich jährlich neu bildende Duftdrüse entfernt). Auch in den BeNeLux – Ländern ist der Import von TCA zu gewerblichen Zwecken leichter, was sicher der Grund dafür ist, daß der Import von TCA in Belgien spontan in einem Jahr um das zehnfache gestiegen ist, da von dort die Arzneimittel in stärker restriktive Länder weiterversendet werden können. Der Verkauf der TCA ist jedoch fast in der ganzen EU den Apotheken, oder –in Dänemark und Spanien- speziellen Kräuterläden vorbehalten, was aber den Preis der durch den komplizierten Import ohnehin teuren Arzneimittel noch weiter in die Höhe treibt.

Im Ursprungsland China kostet z.B. ein Gramm Astragalus (Huang Qi) in der Apotheke 0.045 Yuan, also genau einen Pfennig, während man beim Versandgroßhändler in Deutschland 12 Pfennige bezahlt, also das 12-fache. Die Ärzte und Apotheker in China sind immer schockiert, wenn ich Ihnen sage, daß bei uns die Kräuter für den Patienten teurer sind als die (kassengetragenen) Chemopharmaka. In China unvorstellbar.

In Deutschland dürfen paradoxerweise die TCA einerseits nicht als Arzneien importiert werden, aber andererseits ausschließlich in Apotheken verkauft werden. Der größte TCA- Fertigarzneimporteur ist die Fa. Kummer in Kulmbach (Jahresumsatz 1995: 3-4 Millionen Mark), gleichzeitig eine der fünf Firmen in Deutschland die TCA-Fertigarzneien überhaupt importieren dürfen, da Fertigarneien praktisch einer unüberwindbaren Gesetzeshürde durch das AMG unterliegen und der Antrag der besagten Firma bereits in den 70er Jahren genehmigt wurde.

In Holland, so wurde mir erzählt, wurde kürzlich die extrem wirksame Fertigarznei Yunnan Baiyao verboten, unter dem Vorwurf, sie enthalte Moschus. Nach dem Verneinen der chinesischen Seite, wurde diese schließlich aufgefordert, das geheime (seit 1951 in Staatsbesitz) Rezept preiszugeben, was ebenso lächerlich ist, wie der z.B. der Vorwurf "Coke" enthalte Amphetamine und dürfe nur weiterverkauft werden, wenn die Coca-Cola AG ihr Rezept offen darlege.

Auch der Verbot des chinesischen Aconitum in England, der in der normalen Zubereitungsform weit weniger toxisch ist, als z.B. heimische Zierpflanzen wie Goldregen, oder das inzwischen auch von Fachleuten angezweifelte Verbot von Han Fang Ji (Rx. Stephania) aufgrund von toxischen Wirkungen im Verbund mit Pharma-Schlankmachern, lassen einen nachdenklich werden. Kürzlich wurde in Deutschland auch Rhizoma Rhei (Da Huang) unter Rezeptpflicht gestellt, da es wie Faulbaumrinde und Sennesblätter purgierende Sennesoide enthält, die sich jedoch nach 5-7 min. kochen zersetzen.

Solche Limitierungen in der Verschreibung von Rohdrogen lassen einen entweder vermuten, das hier die Pharma-Industrie ihre Hand im Spiel hat (trotz des Bayer-Forschungslabors in Kanton), oder aber –ich neige eher zu dieser Erklärung- daß hier wieder einmal Politik von absoluten Laien gemacht wird, die sich durch Hörensagen statt durch objektive Wissenschaft eine Meinung bilden, und dann für den Rest des Volkes verbindliche Entscheidungen treffen.

Doch leider ist nicht nur die Verschreibung ein Problem, auch was den Verkauf der Rohdrogen und Kräuter anbelangt, so gab es allerhand Wirbel als die Fa. Weinfurth, u.a. die TCA-Kräuter direkt an den Patienten abgaben. Wir hatten von dort per email um den neuesten Stand der Dinge gebeten, erhielten aber keine Antwort, was man der Firma ja nicht verdenken kann, da sie von überall verklagt wurde.

Zu beklagen gibt es aber in erster Linie den Zustand der chinesischen Arzneimitteltherapie in Deutschland, da die Therapeuten nicht nur dazu gezwungen werden, auf teils minderwertige Importqualität aus dem Ausland zurückzugreifen, sondern auch die Patienten den Preis für das Mehr an Transport und an Versandaufwand tragen müssen.

Daß ein jeder an der chineischen Arzneimittletherapie verdienen will, kann man den Importeuren nicht verdenken, doch sollte die Qualität auch dem Preis entsprechen. So habe ich z.B. in Deutschland von verschiedenen Importeuren und Apotheken TCA bestellt, war aber nur mit wenigen zufrieden. Nicht daß die meisten der Arzneiqualitäten schlechter gewesen wären als in China, nein- das Schlimme war: Sie waren von gleicher Qualität wie in den meisten Unis in China, und das bedeutet Qualitätsstufe drei bis vier! Dazu muß man wissen, das die höchste Qualität für den Export nach Japan, Taiwan oder Singapur bestimmt ist. Dort bezahlt man auch entsprechend und kann die Qualität besser abschätzen als bei uns. Auch werden die Mittel z.B. in Taiwan für den Weiterverkauf in Drittländer gereinigt (von Staub, Erde, Staub, Insekten, Staub und Staub), so daß z.B. der Chai Hu (Bupleuri) keine Spinnweben enthält, wie ich es in Deutschland gesehen habe, aber auch die Chen Pi (Aurantium, Orangenschale) nur SO alt ist (Chen heißt nämlich alt oder gereift), daß sie noch eine orangene Farbe hat anstatt eines ausgebleichten gelben Farbtons. Bei dem 5-10fachen des Preises wie er in China vom Patienten verlangt wird, sollte man zumindest die zweitbeste Qualität bekommen! Doch außer East-West in London und der Klinik in Kötzting gibt es leider kaum Importeure die chinesische Fachleute einstellen um TCA auf Echtheit und Qualität zu prüfen, auch wenn ausnahmslos alle behaupten ihre Importware sei geprüft (wenn ja- von wem denn?).

Doch die chaotische Handelssituation der TCA in Deutschland sollte die Verantwortlichen nicht dazu verleiten, das Kind mit dem Bade auszuschütten und weiterhin absurde Verbote oder Restriktionen von wertvollen Mitteln zu verordnen: Wer einmal vor Ort, d.h. in China gesehen hat, wie gut und effizient die chinesische Arzneimitteltherapie wirkt, und in vielen Bereichen die westliche Medizin genau dort ergänzt, wo sie am wenigsten wirkt, der kann es nur zutiefst bedauern, wenn es den heutigen Therapeuten so schwer gemacht wird, diese Therapieform effizient einzusetzen. Wieder einmal zeigt der Blick über den Atlantik wie weit uns die neue Welt voraus ist, wo die TCA bereits seit langem etablierter Bestandteil der komplementären Medizin ist, und den Patienten bereits seits Langem zu Gute kommt.

Wann werden wohl bei uns endlich die Entscheidungen von qualifizierten Politikern oder Fachleuten zum Wohle der Patienten getroffen?

 

G.R.Neeb

zurückBack Home Up Nextweiter

Zum Anfangder Seite

Fragen oder Kommentare per e mail bitte an: Webmaster@TCMinter.net.
Copyright © 1999-2002 TCM International GmbH
Die in dieser Homepage veröffentlichten Artikel sind, sofern nicht anders ausgewiesen, Erstveröffentlichungen. Alle Urheberrechte liegen jeweils beim Autor. 
Letzter Update: 02 May 2003