Die Entwicklung des Blutstasekonzeptes und deren Krankheitesmechanismen

Funde aus der Steinzeit zeigen daß die ersten aus Knochen und Steinsplittern gefertigten Akupunkturnadeln teilweise zu Aderlaß und zum entfernen von geronnenem Blut verwendet wurden, was eine Vorstufe zur Blutstasetherapie darstellt. Schriftliche Aufzeichungen finden sich ebenfalls sehr früh, nämlich im Klassiker des Gelben Kaisers, dem Nei Jing, das aus der Zeit der Streitenden Reiche (475-221 v.Zr.) stammt. Im Nei Jing Su Wen ist von "schlechtem Blut", verstopften Gefäßen, verklebten Adern koaguliertem Blut etc. die Rede. Ätiologisch wird es dort nach vier Ursachen gegliedert: Traumen, kältebedingte Koagulationen, emotionale Ursachen, namentlich Wutanfälle und langwierige auszehrende Erkrankungen. Wörtlich heißt dort: "Wenn man sich durch Hinfallen verletzt, so entsteht schlechtes Blut im Inneren, das nicht weggeht." (Kap.58 Ling Shu: Diebischer Wind). Dieses Zitat weißt auf eine akute Blutstase mit Hämatomen hin, doch auch über Durchblutungs- und Gerinnungsstörung wie die chronische Blutstase wird berichtet (Kap. 81: Abszesse): Wenn Ying-Qi und Wei-Qi (Nähr- und Bauenergie) sich in Meridianen und Adern staut, dann gerinnt das Blut und bewegt sich nicht mehr. Wenn sich dies nicht bewegt, dann kann das (Yanghafte, also warme) Wei-Qi nicht mehr hindurchfließen und ballt sich zusammen, was zu Hitze führt."

Ein genaueres Konzept mit Diagnose und Therapie der Blutstase wurde im 3Jh. (Han-Dynastie) von Zhang Zhong-jing entwickelt: Er verwendete in seinem Buch SHAN HAN ZA BING LUN (heute SHANG HAN LUN und JIN KUI YAO LÜE) als erster das Wort "yu xue" (Blutstase), aber auch unter "xu xue" (Blutakkumulation, entspricht Blutstase mit Hitze) schreibt er zum Thema behinderter Blutfluß. Es heißt dort zum Beispiel: "Wenn der Patient vergeßlich ist, dann muß Blutstase vorliegen" (Shang Han Lun, Vers 237). Dieser Hinweis wurde in diesem Jahrhundert zum Anlaß der erfolgreichen Behandlung von Altersdementia und Apoplexfolgen mit blutbelebenden Arzenimitteln. Nach Zhang sollte es allerdings 1500 Jahre dauern bis der Name Yu Xue, also Blutstase wieder offiziell als Bezeichnung eines Syndromes geführt wurde. (alle relevanten Stellen übersetzt in Teil 3 dieses Buches)

Erste Hinweise des Zusammenhangs von Blutstase mit gynäkologischen Erkrankungen finden sich in der Sui-Dynastie bei Chao Yuan-fang, der Dysmenorrö auf "gestautes Blut"(ji xue) und "zusammenfließendes Blut" (liu xue) zurückführte.

Auch in der nachfolgenden Tang-Dynastie (7-10 Jh.), wurde die Blutstase unter verschiedenen Namen geführt: Der berühmte taoistische Arzt Sun Si-Miao entwickelte neue blutbelebende Rezepturen gegen Blutstauung (xu xue) und Blut, das sich nicht bewegt (xue bu xing), und Wang Tao, der Autor des "Wai Tai Mi Yao" (Medizinische Geheimnisse eines Beamten) entwickelte blutbelebende Rezepturen gegen innere und äußere Verletzungen.

In den Dynastien um die erste Jahrtausendwende, in der die chinesische Medizin viele neue Theorien und Schulen entwickelte und sich die Spezialisierungen auf Gebieten wie Gynäkologie, Pediatrie usw. stärker herauskristallisierten, wurden weitere Fortschritte in der Diagnose und Behandlung der Blutstase gemacht.

Chen Wu-ze, der in seinem großen Werk San Yin Ji Yi Bing Fang Lun (Abhandlung über drei Kategorien von Krankheitsursachen, 1174) erstmals eine ätiologische Gliederung der Erkrankungen vornahm, hielt sich an Zhang Zhong-jins Konzept (Shang han lun) und beschrieb die Behandlung von Blutakkumulation noch genauer. (übersetzt in Teil 3 dieses Buches)

Li Dong-yuan (Jin-Dynastie, 12./13. Jh.) verwendete Dan gui (Angelica sinensis) und andere blutbelebende Arzneimittel in seinen Rezepturen. Sein später Zeitgenosse Zhu Dan-xi in der mongolisch regierten Yuan-Dynastie (13./14. Jh.) nannte die Blutstase "totes Blut" (si xue) und entwickelte die Theorie der Stauung (Yù, im 4.Ton) weiter, die oft zu Blutstase führt. Er schrieb daher: "Solange Qi und Blut harmonisch zusammen fließen, bleiben die zehntausend Krankheiten fern. Doch sobald eine Stauung entsteht, so geht die Krankheit daraus hervor. Aus diesem Grunde gehen viele Krankheiten des Menschen aus der Stauung hervor." Er verwendete dann blutbelebende Arzneien wie z.B. Chuan xiong (Ligusticum) zur Behandlung der Stauungen des Blutes.

Im in der mandschurisch regierten Qing-Dynastie (17.Jh.) schließlich, gelangen die größten Fortschritte, hinsichtlich der Blutstaseforschung: In Wang Ken-tangs enzyklopädischem Werk Zheng Zhi Zhung Sheng (Standardwerk der Diagnose und Behandlung, 1602) wird der Blutakkumulation (xu xue) ein eigenes Kapitel zugeordnet, in dem auch die Blutstasebehandlung beschrieben wird (übersetzt in Teil 3 dieses Buches).

Auch sein Zeitgenosse, der große Gelehrte Zhang Jing-yue, der 20 Jahre später ebenfalls ein monumentales Gesamtwerk veröffentlichte schrieb ausführlich über die Behandlung der drei Schweregrade der Blutstase im Kapitel Zusammenballungen (Ji): "Wenn das Blut akkumuliert oder zusammengeballt ist, dann sollte man (die Stase) aufbrechen oder verteilen, und zwar mit Tao ren (Persica), Hong hua (Carthamus), Su mu (Sappan), usw. (...) Wenn das Blut sich schlecht bewegt (wörtl. "rauh ist"), dann sollte man es bewegen, mit Niu xi (Achyranthis), Yi Mu Cao (Leonuri) etc. (...) Wenn das Blut in Leere und Stagnation ist, dann sollte man es am besten beleben und tonisieren, mit Dang gui (Angelica), Chuan xiaong (Ligusticum), Niu xi (Achyranthis), Shou Di (Rehmannia) usw."

Die letzte Dynastie Chinas war auch die Zeit der Fortschritte in der Erforschung von Infektionen, die von der Schule der "febrilen Krankheiten" (wen bing xue) vorangetrieben wurde. Einer ihrer Protagonisten, der große Ye Tian-shi (18.Jh.), der auch ein exzellenter Kliniker war, wie seine Fallaufzeichnungen zeigen, entwickelte die Blutstasetheorie weiter, in dem er die Violetttönung der Zunge bei Stase aufzeigte und das Konzept des Nei Jing, das chronische Erkrankungen immer zu Blutflußstörungen führen ausführlich untersuchte und Behandlunskonzepte entwickelte. (Einige Blutstasefälle von Ye Tian-shi im 3. Teil unter Fallbeispiele)

Im 19. Jahrhundert trat endlich Wang Qing-ren auf die Bühne, der nach dem Studium der Klassiker zu dem Schluß kam, daß die dato verpönte ärztliche Obduktion einen Schritt weiter in der Wissensfindung führen würde. Nach der Untersuchung von vielen Leichen, deren Blut an jeder Stelle zu finden war, kam er zu dem Schluß, daß das krankes Blut an jeder Stelle zu Krankheiten führen kann, und spezialisierte sich auf die Behandlung von Blutstase und deren Folgen. Seine gesammelten anatomischen und klinischen Erfahrungen legte er schließlich in seinem Werk Yi Lin Gai Cuo (Korrekturen der Fehler aus der medizinischen Welt) nieder, das wie kein anderes Werk zur Theorie und Praxis der Blutstase beitrug.

In der Neuzeit trug schließlich noch Zhang Xi-chun, der bis 1933 lebte zur Behandlung bei, indem er vorallem die blutbelebende Wirkung von San qi (Notoginseng) und die Kombination von E Zhu und San Leng (Curcuma und Spargani) hervorhob, und zur Behandlung von Schlaganfällen berühmte Rezepte wie "Huo Luo Xiao Ling Dan" (Gefäßbelebendes Elixier) entwickelte.

Seit den Sechziger Jahren wurde die Wissenschaftliche Erforschung der Blutstase, ihrer Diagnose und Behandlung vorangetrieben, insesondere in der Pharmakologie, Hämorheologie, Onkologie und im Bereich der Gefäßkranheiten. Es gibt jedoch noch immer verschiedene Konzepte die Ätiologie der Blutstase zu gliedern. Dabei ist allerdings zu beachten, daß wie schon in der Einführung erwähnt die Ätiologie im Sinne der TCM keine strikt kausalanalytische ist, d.h. eine exakte Trennung zwischen Ursache und Folge ist hier nicht immer möglich. Dies wird bei der Blutstase besonders klar: Viele ihrer Ursachen treten mit der Blutstase zugleich auf oder sind sogar manchmal deren Folge, d.h. Blutstase kann auf Dauer beispielsweise zu Qi-Leere führen, sie kann aber auch durch Qi-Leere versursacht sein. Für den Therapeuten ist jedoch in erster Linie wichtig, zu wissen, ob die Qi-Leere noch oder schon vorhanden ist, damit sie mitbehandelt werden kann.

 

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Letzter Update: 02 May 2003