Über die Ausbildung der in Deutschland chinesischen Ärzte in China

<An oberster Stelle steht für B.M. das Miteinander von Schulmedizin und TCM. "Alle bei uns arbeitenden Ärzte aus China müssen zusätzlich einen schulmedizinischen Abschluß haben"> heißt es in einer Reklameschrift für ein neues TCM-Kurzentrum, die mir neulich in die Hand fiel. Ich habe mich darüber sehr amüsiert, zeigt es doch, wie wenig Ahnung die deutsche Seite von der medizinischen Ausbildung in China hat. Doch mittlerweile arbeiten weit über 100 Ärzte an privaten Kurkliniken, Praxiszentren und Krankenhäusern in Deutschland, meist um dem Ruf der Einrichtung einen höheren Status zu geben.

Die TCM ist "in" in Deutschland, und jeder möchte einen oder ein paar echte Chinesen aufweisen, wenn TCM auf der Visitenkarte steht. Die Behörden haben hierzu keinerlei einheitliche Regelungen und entscheiden von Fall zu Fall anders. Mal wird ein Masseur mit falschem Zeugnis zur Arbeit als Arzt zugelassen, mal wird ein Arzt mit regelrechtem Studium und jahrelanger klinischer Erfahrung aus dem Grunde abgelehnt, daß er nur fünf Jahre Ausbildungszeit hatte, wie in China allgemein üblich.

Als Insider des chinesischen akademischen Systems, der schon mit viele Kontakte mit aus dem Ausland zurückkehrenden Ärzten gesprochen hatte, und auch schon die Arbeitsaufnahme eines chinesischen Arztes in Deutschland in die Wege geleitet hat, habe ich einen entsprechenden Einblick in deutsche und chinesische Verhältnisse. Damit nicht noch mehr Mißverständnisse aufkommen, und auch um weiteren Nonsens, wie den obigen zu verhindern, gebe ich hier einen kurzen Bericht, für künftige deutsch-chinesische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der TCM.

Zunächst muß betont werden, daß es drei medizinische Ausbildungssysteme in chinesischen Universitäten gibt, nämlich die westliche schulmedizinische Ausbildung, die Ausbildung in traditioneller chinesischer Medizin und seit den 50ern auch die Ausbildung in der sogenannten integrierten (westlichen und chinesischen) Medizin. Diese hat erst seit einigen Jahren eigene Ausbildungswege in Universitäten, d.h. es gibt nur wenige Studenten, die in ICM (integrierter chinesischer Medizin) graduiert haben. Die Mehrheit der ICMler haben einen Abschluß in einem der Systeme und haben anschließend eine Zusatzausbildung im anderen gemacht. Sie sind meist Mitglieder der Gesellschaft für Integrierte Medizin. In dieser staatlichen Gesellschaft sind allerdings mehr Ärzte mit schulmedizinischer Ausbildung und Zusatzausbildung in TCM vertreten.

Eine normale Ausbildung zum Arzt (ohne Doktortitel) dauert, egal in welcher Fakultät 5 Jahre, wobei in der TCM-Ausbildung 40% schulmedizinisches Wissen gelehrt wird. Anschließend kann ein drei- bis vierjähriges Magisterstudium und danach ein zwei- bis dreijähriges Studium bis zum Doktor angegangen werden. Für beide Studiengänge ist die Formulierung einer These und ihre Dissertation notwendig. Die Anzahl der Ärzte mit Doktortitel ist - das muß ich betonen, da in Deutschland jeder chinesische Arzt fälschlich als Doktor bezeichnet wird- auch im großen China verschwindend klein, da hierzu ein großer finanzieller und Zeitaufwand erforderlich ist.

Seit kurzem wird bei der Titelverleihung zwischen Dr.med (M.D.) für klinische Ärzte und Dr.phil. für ausschließlich in der Forschung und Lehramt tätige Ärzte unterschieden.

Im allgemeinen arbeiten Ärzte aller drei Richtungen in vielen Krankenhäusern eng zusammen, es bestehen jedoch, vorallem in der älteren Generation noch einige Vorurteile: Die Schulmediziner halten die TCMler für "unwissenschaftlich", wohingegen die TCMler die Versuche der Schulmediziner TCM und ihre Wirkung am Tiermodel zu beweisen oder widerlegen für lächerlich halten. Dennoch finden sich solche Extreme heutzutage eher wenig, und beruhen, ebenso wie bei uns, auf ein ungenügendes Verständnis der Gegenseite.

Die Mitgliedschaft der Gesellschaft für Integrierte Chinesische Medizin (ICM) besteht in der Mehrzahl aus akademisch graduierten Schulmedizinern mit einer zwei- bis dreijährigen Zusatzausbildung ohne akademischen Abschluß, die leider oft nur ungenügendes Verständnis der TCM mit sich brachte, wie ich in Diskussionen immer wieder feststellen muß. Viele der ICMler haben sich auf eine Krankheit spezialisiert, die schulmedizinisch diagnostiziert und differenziert wird, und verwenden bei der Therapie ausschließlich oder zusätzlich chinesische Arzneipflanzen oder Akupunktur, können aber ihre Standardrezeptur nicht den individuellen Erfordernissen des Patienten anpassen, da ihnen hierzu das Wissen fehlt. Glücklicherweise sind die Mitglieder der höheren Positionen der ICM (Vorstand, usw.) recht gut in beiden Medizinsystemen versiert und versuchen diesen Anspruch auch an einfache Mitglieder zu erheben.

Der geringere Teil der Mitglieder hat den umgekehrten Ausbildungsgang durchgemacht und hat eine akademische TCM-Ausbildung mit einer Zusatzausbildung in westlicher Medizin (d.h. Schulmedizin) ohne akademischen Abschluß.

Was nun die Anerkennung des Arztes in China angeht, so sollte jede Behörde eine Bescheinigung des Arbeitgebers (Krankenhaus, Universität) sowie der Ausbildungsurkunde verlangen, die beide vom staatlichen Notariat sowohl als echt beglaubigt wurden, als auch von diesem übersetzt wurden. Diese Dokumente wiederum sollten in Deutschland einem Konsulat oder Botschaft der VR. China nochmals bestätigt werden. Da andere Länder ebenfalls unterschiedliche Ausbildungslängen haben (was aber nichts über die Qualität der Ausbildung sagt), sollte die "5-Jahres-Regelung" nicht als Maßstab für Anerkennung oder Ablehnung eines Arbeitsvisums zugrundegelegt werden. Andernfalls könnten in Deutschland nur chinesische Ärzte mit Magisterabschluß arbeiten, da deren Ausbildungslänge der deutschen quantitativ gleichkommt.

Was jedoch die Auswahl dieser Ärzte angeht, das lege ich jedem potentiellen TCM-Kurzentrum ans Herz, so ist die Rennomiertheit oder Größe (z.B. Peking) absolut keine Gewähr dafür, daß sie einen Arzt mit gutem Wissen erhalten. Meist ist sogar dort unter den Bewerbern ein Ränkespiel vonstatten gegangen, bei dem der mit der größten Autorität (z.B. durch KP-Parteimitgliedschaft) oder dem besten Vitamin B ins Ausland gehen darf, aber nicht unbedingt der qualifizierteste. So kommt es z.B. oft vor, daß ein Tui-Na oder Qi-Gong Arzt nach Deutschland geschickt wird, wo er vorwiegend Akupunktur anwenden muß. Da dies auch zu seiner Grundausbildung gehörte (oft zwar vor vielen, vielen Jahren) kann er sich damit ganz gut durchmogeln.

Dies und die Tatsache, daß er ein chinesisches Gesicht hat (ergo automatisch eine "Kapazität in TCM"), hat schon so manchen Chinesen vor allerhand Peinlichkeiten bewahrt. Ein einfacher Test: Wenn "ihr" chinesischer Arzt immer die gleichen Rezepturen oder Punktkombinationen verwendet, und auch nicht genau erklären kann, warum diese und keine anderen Punkte oder Arzneimittel gewählt wurden, dann ist es nicht weit her, mit seinem TCM-Wissen, denn ein guter TCM-Arzt muß immer die Verwendung eines bestimmten Punktes oder Arzneimittels nach den Prinzipien der TCM herleiten können. Eine Antwort wie "das macht man in China bei Magengeschwüren so" genügt einfach nicht! Wenn eine Punktkombination oder Rezeptur bei gleicher Krankheit immer gleich ist, bedeutet es, daß derjenige diese nur auswendig gelernt hat, ihre Wirkprinzipien aber nicht versteht.

Glücklicherweise haben die kleineren und weniger berühmten Unis andere Prinzipien bei der Auswahl der Ärzte: Dort geht es darum, endlich auch einmal jemanden ins Ausland schicken zu können, und da die Konkurrenz zu Peking und den anderen Großen Unis (Tianjin, Nanjing, Shanghai, Chengdu) entsprechend groß ist, schickt man den besten und erfahrensten Arzt, in der Hoffnung einen guten Eindruck zu machen, um weitere Ärzte abordern zu können. Ich betone daher immer und immer wieder: Gehen sie nach Yunnan, Guizhou, Shandong, Hebei usw. in die kleineren Provinzen, dort finden sie echtes Gold, was TCM-Ärzte angeht.

Dies wird, so hoffe ich, ein wenig zum Verständnis der gegenwärtigen und künftigen in Deutschland arbeitenden chinesischen Ärzte beitragen.

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Letzter Update: 02 May 2003